Aus der Seele gespielt – Eine Einführung in Musiktherapie

Autoren: Hans-Helmut Decker- Voigt (mit Beiträgen von Eckhard Weymann)

Verfasser: Noah Slanina

 

1. Warum hast du diese Literatur gewählt?

Ich habe ein Einführungswerk zur Beratung mit Musik gesucht, und der Titel hat
mich sehr angesprochen. „Aus der Seele gespielt“ – ob man das in Worte fassen
kann? Immerhin ist die Seele des Menschen etwas schwer Fassbares.

2. Inhaltsbeschreibung

Das Buch verzichtet bewusst auf Informationen zu allen möglichen anderen Arten
von Musiktherapie und konzentriert sich auf das „Fach“ des Autors – die
psychotherapeutisch-tiefenpsychologischen Musiktherapie – mit dem Hinweis,
dass eine detaillierte Beschreibung aller Richtungen den Rahmen dieses Buchs
sprengen würde.
Das Buch gliedert sich in 3 Teile. Im ersten Teil beschreibt der Author einige
Grundlagen von Musiktherapie. In einem Präludium „startet“ der Co-Autor
Weymann mit einigen grundlegenden Begriffen aus der Musiktherapie und
einigen möglichen Erklärungen, wie man bildhaft machen kann, was
Musiktherapie überhaupt ist. Dieses wird in fiktiven Gesprächen zwischen einem
Experten und einem Interessierten verdeutlicht („Was tut ihr denn überhaupt in
der Musiktherapie?“). Über anatomische Grundlagen, die Wirkungsweise
verschiedener Musikarten, die funktionelle Musik, „statistische“ sowie logische
Wirkung von Musik (die persönliche, „psycho-logische“ für den nächsten Teil
aufsparend), psychologische Grundlagen und Begriffe geht es im Anschluss sehr
ausführlich weiter. Literaturempfehlungen, die auch über das rein Sachliche
hinausgehen (z.B. das sehr empfehlenswerte, spirituelle „Nada Brahma“ von
J.E.Berendt), oder soziokulturelle Aspekte behandeln (beispielsweise „Akustische
Reizüberflutung“ von Klaus Körner) finden ergänzend ebenso Erwähnung wie
praktische Übungen zur Auflockerung der etwas trockenen Materie. So sei eine
Übung erwähnt, die den Leser anleitet, seiner „Körpermusik“ zu lauschen (S. 48)
und die ihn mit seinem Blutkreislauf und Herzschlag vertraut macht.
Der zweite Teil beschreibt die Rezeptive Musiktherapie als Psychotherapie.
Der Autor geht zuerst auf die Rolle von Musik und akustischen Reizen überhaupt
in der Entwicklungsgeschichte des Kindes ein, in der Ontogenese im Gegensatz
zur Phylogenese, der „Stammesentwicklung“ (die noch im ersten Teil des Buchs
Thema war). Über Geräusche, die chaotisch postnatal auf den Säugling
einströmen, über Musik (oder auch andere Geräusche) als ordnende Kraft wird
reflektiert. Auch weiterführende Literatur für den interessierten Leser ist wie
immer angegeben. Das Kapitel schließt mit möglichen Deutungen, warum wir
Musik überhaupt genießen können (eine These ist, dass sie zum Beispiel ein frühes
Symbol für Ordnung und Sicherwerden in einer unsicheren Geräuschwelt
darstellt, wie auf Seite 123 beschrieben) und wie ein Mensch zu „seiner“ Musik
findet und was dies für ihn bedeutet – oder bedeuten kann. Dass es keine in Stein
gemeißelte Bedeutung für ein gewisses Symbol gibt, wird ebenso deutlich
gemacht wie die Einzigartigkeit aller Fälle – die ja Menschen und nicht Zahlen oder
„Fälle“ sind.
Durch die Fallbeispiele gewinnt das Buch nun zunehmend an Lebendigkeit.
Ausführlich wird das Unfallbeispiel einer Frau, die nach einem Autounfall im
Koma lag, geschildert. Die funktionelle Musik kommt in diesem Beispiel ebenso
zum Einsatz wie die rezeptive Musiktherapie, der der zweite Teil gewidmet ist.
Durch das Vorspielen bzw. Vorsingen vertrauter Geräusche und Lieder (eine
Kassette mit typischen Nachtgeräuschen wie Pumpgeräusche im Bad oder dem
Knacken der Heizkörper im Haus der Klientin zum Beispiel) wurde das Erwachen
aus dem Koma zu unterstützen versucht; die Klientin erinnerte sich bei ihrem
Aufwachen wenige Tage später sogar daran, dass ein Teil eines Liedes gefehlt hatte.
Auch als Einschlafhilfe fand die Kassette mit den Heizgeräuschen Verwendung.
Zur psychotherapeutischen Maßnahme wurden Musikstücke angehört – das zur
Zeit des Unfalls im Autoradio gehörte Konzert stellte sich als „Katalysator“ für den
Prozess heraus. Solche und ähnliche Beispiel ziehen sich durch das ganze Buch
und sind gerade im zweiten Teil vermehrt zu finden. Auch Übungsbeispiele gibt es
wieder, beispielsweise zum „Abrufen“ von an Musikstücke geknüpften
Erinnerungen (S.137, 139). Dies leitet die theoretischen Kapitel zu den Richtungen
des Erinnerns durch Musikrezeption ein. Situationserinnerung, Orterinnerung
und Personenerinnerung wird erwähnt, viele Beispiele folgen.
Die Anwendungsfelder der Rezeptiven Musiktherapie als Psychotherapie werden
vor allem Anhand von möglichen Spezifizierungen und Typisierungen
beschrieben. Die schizoide, die depressive, die zwanghafte und die hysterische
Kraft werden anhand von stereotypen Menschenbildern beschrieben, dazu gibt es
Musikbeispiele, wobei betont wird, dass sich hier wiederum jeder Mensch
individuell unterscheidet – die „schizoide“ Musik von Person A nicht auch die
„schizoide“ Musik von Person B sein muss. Es wird auch vor einseitigen Deutungen
gewarnt, denn das Persönliche macht solche Zuschreibungen aus. Es gibt keine
„schizoide Musik“, sondern Musik oder Teilbereiche der Musik können für
Menschen Symbolcharakter annehmen und dann dieses oder jenes bedeuten –
von einer absoluten Bedeutung hält sich der Autor aber zurück. Vielmehr weist er
darauf hin, dass das Persönliche hier hineinkommt und dass jeder etwas anderes
als schizoid-spaltend, depressiv-verbindend, zwanghaft-ordnend oder
hysterisch-chaotisch wahrnimmt. Diese lt. Autor grundlegenden
Persönlichkeitskräfte, die jedem Menschen innewohnen und die von Person zu
Person und von Zeit zu Zeit abhängig unterschiedlich stark vertreten sind, werden
über mehrere Kapitel beschrieben und aus der Sicht des Autors beleuchtet, wobei
vor pauschalierenden Deutungen ausführlich gewarnt wird. Der Sinn und Unsinn
von Stereotypen wird in einigen Kapiteln reflektiert. Übungen, die diese
Persönlichkeitstypen z.B. anhand von Körperhaltungen darstellen, sind
auflockernd und auch sehr witzig. Es wird auch darauf hingewiesen, dass ein
„gesundes“ Ausmaß einer Kraft individuell ist und dass ein Zuviel für den einen
noch ein Gerade-richtig für den anderen oder ein Zuwenig für den nächsten sein
kann. Auf die Auswirkungen, die das Übermaß einer Kraft haben kann, wird bei
jeder Kraft gesondert eingegangen. Es werden auch noch weitere Ableitungen
oder Erweiterungen von Typisierungen aus dem Riemann’schen Modell der vier
Grundängste/Kräfte gebracht und analysiert im Hinblick auf Musiktherapie, wobei
vom ständigen Wechsel der Kräfte in uns ausgegangen wird.
Der Autor weist auch darauf hin, dass eine Diagnose in der Musiktherapie immer
nur gemeinsam mit dem Klienten erarbeitet werden kann. Der Klient entscheidet
mit und ist kein ausschließlich passiver „Patient“, kein Erdulder, sondern aktiv am
Geschehen beteiligt; diese wertschätzende Sichtweise zieht sich durch das ganze
Buch und wirkt sich positiv auf die Qualität des Buchs aus.
Vor einem verkürzten Wenn-dann-Denken wird gewarnt, und dies wird durch
Übungen zur Selbsterfahrung ausgeführt und lebendig gestaltet.
Im dritten Teil geht es um die aktive Musiktherapie als Psychotherapie – um das
Improvisieren und Musikmachen. Die Improvisation wird als der Seelenausdruck
des Menschen begriffen. Dieser Ausdruck wird von Fritz Hegi in seinem Buch
„Improvisaton und Musiktherapie“ beschrieben. Auf dieses Buch bezieht sich der
Autor. Hegi beschreibt dabei fünf Typen von Kontaktstörungen, analog zu den
Konzepten von Fritz Pearls. Diese fünf Typen, Vorsichtigkeit oder Introjektion,
Manipulation oder Projektion, Durchfall/Deflektion, Verstopfung oder
Retroflektion sowie Anpassung/Konfluenz, werden ausführlich, vor allem in
Hinblick darauf, wie sie sich in der Improvisation verhalten, beschrieben. Als
nächstes wird dem Thema „Schatten“ in der Improvisation ein großes Kapitel
gewidmet. Direkt weiter geht es zu den Symbolen und dem Symbolcharakter von
Instrumenten. Dies wird ebenso ausführlich beschrieben. Musikalisch
improvisieren heißt, mit Symbolen spielen – darüber wird reflektiert. Ein
Abschnitt ist ganz alleine unserem wichtigsten, persönlichsten Instrument
gewidmet – der Stimme.
Schließlich folgen noch einige Beiträge des Co-Autors zur menschlichen
Entwicklung in Bezug auf die Musik, von der vorgeburtlichen Zeit bis zum
Spracherwerb. Weitere Artikel des Co-Autors reflektieren das Thema „Spielen ist
Handeln“/“Improvisieren“, die Rolle des Therapeuten in der Improvisation und das
Thema, inwieweit Psychotherapie noch „Wissenschaft“ ist – weil ja gerade das
Messbare, Wiederholbare ein Anzeichen der Wissenschaft ist. Das ist in dieser
speziellen Methode schwer zu bieten, denn jeder Mensch ist anders, und so ist
hier eben gerade vieles NICHT reproduzierbar. Der Co-Autor schließt mit dem
Gedanken, dass sich auch die Wissenschaft weiterentwickeln sollte (und es ja auch
schon tut).

3. Persönliche Reflexion

Eingangs erwähnte ich, dass mich der Titel zu der Frage verleitete: „Aus der Seele
gespielt“ – kann man denn so etwas verbal ausdrücken? Der Autor reflektiert
jedenfalls selber über diese Frage (was dem Buch viel an Glaubwürdigkeit verleiht)
und beleuchtet das Thema aus vielen Perspektiven profund und als Mensch
authentisch und (für mich als Mensch) sehr sympathisch. In meinem Augen ist
ihm die erwähnte Schwierigkeit mit Bravour gelungen – sehr anschaulich,
lebendig und voller relevanter Informationen.
Auch die menschenwürdigen, sehr wertschätzenden Betrachtungsweisen haben
mich sehr angesprochen und dem Buch in meinen Augen sehr an Qualität
verliehen und es sehr schön zu lesen gemacht. Dies macht es für mich auch gleich
vom Praktischen her sehr wertvoll, weil diese Sichtweise mit meiner korreliert und
ich das Gefühl habe, dass ich da sehr gut anknüpfen könnte. Aber das mit der
Sichtweise muss jeder Leser für sich selber wissen.
Für mich ist das Buch interessant, nutzbar und sehr bereichernd in seiner
Sichtweise. Es wurde durchaus sehr viel Fachwissen vermittelt. Ich fand es positiv,
dass so viel auf die menschliche Individualität eingegangen wurde, auf das
individuelle Maß an zu viel oder zu wenig einer seelischen Kraft, auf die
individuelle Bedeutung von Symbolen, und damit auf die Einzigartigkeit des
Menschen. Außerdem war es sehr interessant, mit vielen Übungen und Beispielen
konfrontiert zu werden, die einen ersten Eindruck in „Musik als Selbstfindung“
geben können und das Ganze sehr lebendig machen.
Weiterempfehlen würde ich das Werk allen Menschen, die sich für Musiktherapie
als Psychotherapie interessieren. Allerdings bietet es nur über diesen Bereich
einen Überblick. Decker-Voigt schreibt dazu im Vorwort: „Musiktherapie gibt es
sozusagen nur im Plural, und zwar (fast) so viele Musiktherapien wie
Musiktherapeuten. Es gibt ururalte, alte und ganz neue, gegensätzliche und
einander widerstreitende Musiktherapieverfahren[…]. Dieses Buch will sich
deshalb bescheiden und eine Einführung in Musiktherapie anbieten – nicht in
„die“ Musiktherapie[…]… Ich will versuchen, Musiktherapie als Psychotherapie zu
schildern.“ Der Autor honoriert sehr wertschätzend alle möglichen Ansätze und
Therapeuten, geht dann aber fundiert und ausführlich auf sein „Fach“ ein.
Ein Wermutstropfen ist vielleicht, dass viele Werke der weiterführenden Literatur
nicht mehr erhältlich sind. Einige hätte ich gerne gelesen, aber beispielsweise das
eingangs erwähnte Buch von Körner habe ich nicht mehr bekommen. Das ist
natürlich nicht die Schuld das Authors, und tut der Qualität des Buchs keinen
Abbruch.
Eine wie erwähnt große Stärke dieses Werkes sehe ich in der Wertschätzung und
auch Genauigkeit in der Deutung: Es wird darauf geachtet, niemals eine Deutung
über den Klienten „drüberzustülpen“, sondern was für ihn/sie stimmig ist und was
nicht, das kann nur der Klient selber wissen. Dies trägt auch in meinen Augen zur
Glaubwürdigkeit von Deutungen bei – ein und dasselbe Symbol kann für zwei
Menschen eben etwas ganz Unterschiedliches bedeuten. Und dadurch, dass der
Autor dies auch einbezieht und immer wieder darauf hinweist, gewinnt er an
Vertrauenswürdigkeit und Aufrichtigkeit.
Was mir an dem Buch auch sehr gut gefallen hat und was ich in als Leser dankbar
aufgenommen habe, sind die zahllosen Übungsbeispiele, die zur Selbsterfahrung
anregen sollen und das Ganze nicht nur unterhaltsam, sondern auch lehrreich für
mich persönlich gemacht haben. So war es für mich z.B. interessant, über „meine
Musik“ zu reflektieren und über das, was sie mir möglicherweise über mich sagt,
oder ob ich mir selbst damit etwa auf einer tiefen, unbewussten Ebene etwas
sagen will. Gerade die Übungen, die vielen Beispiele und die wertschätzende Art
des Buchautors habe ich sehr genossen und kann das Buch Personen, die sich für
die oben genannten Themengebiete interessieren, nur weiterempfehlen.