Das Herz wird nicht dement. Rat für Pflegende und Angehörige

AutorInnen: Udo Baer, Gabriele Schotte-Lange

Verfasserin: Barbara Nepp

 

Bereits im November 2014 hatte ich die Möglichkeit im Rahmen meiner damaligen Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizbegleiterin im Kardinal-König-Haus in Wien an einem Vortrag von Udo Baer mit dem gleichnamigen Titel „Das Herz wird nicht dement“ teilzunehmen. Sowohl der Vortrag als auch das Buch, das ich mir im Anschluss daran gekauft habe, haben mich sofort fasziniert. Im Rahmen der Ausbildung zur Lebens- uns Sozialberaterin und insbesondere während meiner Zusatzqualifikation zur „Gerontopsychosozialen Beraterin“ habe ich das Buch sehr gern wieder zur Hand genommen und mich noch intensiver damit auseinander gesetzt. Es vermittelt insbesondere einen anderen Blickwinkel und eine innere Haltung gegenüber Menschen mit Demenz.
Die Inhaltsbeschreibung im Folgenden orientiert sich an den Kapiteln des Buches, im Anschluss findet sich meine persönliche Reflexion.
Das Gedächtnis des Herzens
Baer und Schotte-Lange geben wertvolle Hinweise, wie Menschen mit Demenz gewürdigt und in Würde begleitet werden können. In erster Linie geht es dabei darum den Blickwinkel auf die Erkrankung zu ändern und Demenz als mehr als eine Gedächtnisstörung zu sehen. Dazu muss der Blick auf die Innenwelten und besonders auf das Herz der Menschen mit Demenz gelenkt werden. Erinnern ist ein komplexer Prozess der nicht nur das Denken betrifft. Das Erinnerungsvermögen lässt nach und neue Wahrnehmungen können nicht mehr mit alten Erfahrungen und Kenntnissen in Verbindung gebracht werden. Es gibt allerdings mehr als ein Gedächtnis des Denkens – das Gedächtnis der Sinne, des Körpers, der Klänge und Situationen. Dieses „Leibgedächtnis“ oder auch „implizite Gedächtnis“ ist intensiv und stark verfestigt, und selbst wenn das Gedächtnis des Denkens versagt, können die Betroffenen darauf zugreifen. Das Gedächtnis der Sinne kann das Gedächtnis des Denkens sogar wieder anregen und Anstöße geben, Neues und Altes zu verbinden und Erinnerungen lebendig werden zu lassen. Das situative Gedächtnis wird aktiv, wenn Situationen im Heute früheren Situationen ähneln und diese den betreffenden Menschen innerlich bewegen. Wird das Herz berührt, kann die Erinnerung über das zu Herzen Gehende hinaus reichen und es werden Schritt für Schritt andere Regionen des Erinnerns aktiviert. Insofern: „Das Herz wird nicht dement“.
Gefühle, Gefühle, Gefühle
Die Demenz beinhaltet eine tiefgreifende Veränderung des Gefühlslebens der erkrankten Person und ihrer Umgebung. Gefühle begleiten und prägen den gesamten Verlauf der demenziellen Erkrankung. Insbesondere werden die Gefühle der Scham, der Angst und Verzweiflung, das Schuldgefühl, die Trauer, die Geborgenheit sowie aggressive Gefühle und ihr Subtext näher betrachtet. Dabei werden
Barbara Nepp, MA – Buchrezension:
Baer, U., Schotte-Lange, G. (2013). Das Herz wird nicht dement. Weilheim: Beltz Verlag.
die Gefühle aus Sicht der Betroffenen sowie auch deren Angehöriger beleuchtet und anhand zahlreicher Fallbeispiele illustriert sowie hilfreiche Hinweise für den Umgang damit geboten.
Der soziale Rückzug und die Einsamkeit
Da jeder Mensch mit Herausforderungen und Erkrankungen anders umgeht, ist es insbesondere bei Demenzerkrankungen wichtig, die besondere und individuelle Strategie zu erkennen um entsprechend damit umgehen zu können. Aus Beobachtungen und Untersuchungen haben sich als häufigste Bewältigungsstrategien, Verbergen, Flucht, Erstarren und „Vorwärts-Verteidigung“ gezeigt. Wird Menschen mit diesen Strategien nicht angemessen geholfen, finden sie sich im sozialen Rückzug und tiefer Einsamkeit wieder. Wichtig ist es daher, eine weitere Bewältigungsstrategie anzuregen, die sich darauf konzentriert, was der Mensch noch hat und dabei hilft sich auf die Stärken zu besinnen, Kontakte zu nutzen und frühere Fähigkeiten zu reaktivieren.
Herz und Hirn – Demenz verstehen
Gestützt auf moderne neurowissenschaftliche Erkenntnisse lautet die These von Baer und Schotte-Lange, dass Demenz nicht nur eine Störung kognitiver Prozesse ist, sondern vor allem mit emotionalen Bewertungsprozessen zu tun hat. Es handelt sich um eine Störung des neuronalen Bewertungssystems, in dem neue Erfahrungen mit alten über das Limbische System verknüpft werden. Der innere Ort der Bewertung ist in der Erkrankung nicht mehr zugänglich und verdunkelt sich. Dies führt dazu dass, das Kurzzeitgedächtnis nicht mehr mit neuen Erfahrungen angefüllt wird und im Gedächtnis und im Erleben an Demenz erkrankter Menschen Leerstellen entstehen. Wenn Demenz als zweiteilige Verdunklung des Inneren Ortes der Bewertung verstanden wird, können viele Erfahrungen an Demenz erkrankter Menschen besser und schlüssiger erklärt werden. Dass der innere Ort der Bewertung und damit die Gefühle eine zentrale Rolle beim Prozess des Wahrnehmens, Lernens und Erinnerns spielen, ist wichtig, weil die Erkrankten und die Begleitenden, diesen Faktor beeinflussen können.
Schrecken und Trost – Wenn der Mandelkern aktiv wird
Die Amygdala (der Mandelkern) spielt als besonderer Teil des Limbischen Systems im Gehirn eine besondere Rolle und wird aktiv, wenn es um existenziell bedrohliche Erfahrungen geht. Im zunehmenden Alter und vor allem bei zunehmender Demenz werden die Möglichkeiten, solche Erfahrungen zu verdrängen geringer und sie brechen auf. Die Menschen werden von den Schrecken der Vergangenheit eingeholt. Die Aktivierung erfolgt durch verschiedenste Eindrücke und Pflegende sowie Angehörige können darauf achten, diese Trigger möglichst zu vermeiden. Noch wichtiger ist es allerdings den Menschen, die in Angst und Schrecken versetzt werden, Trost und Halt zu geben. Der Mandelkern kann auch die biographischen Erfahrungen des Trostes, der Solidarität und Unterstützung wach werden lassen. Unter der Voraussetzung, dass die Person ernst genommen wird, Trost, Unterstützung und Hilfe angeboten wird, kann der Mandelkern die Brücke sowohl zum Schrecken der Vergangenheit als auch Wege zu den Erfahrungen öffnen, die diesem Schrecken begegnen.
Was Menschen mit Demenz brauchen
Basierend auf der Ansicht, von einer Demenzerkrankung als eine zeitweilige Verdunklung des inneren Ortes der Bewertung und einem Verständnis dafür, dass der Krankheitsprozess tiefgreifende Folgen vor allem auf das Gefühlsleben und auf die sozialen Beziehungen der Betroffenen hat wurde von
Barbara Nepp, MA – Buchrezension:
Baer, U., Schotte-Lange, G. (2013). Das Herz wird nicht dement. Weilheim: Beltz Verlag.
Baer (2007) das SMEI-Konzept (SensoMotorische Erlebniszentrierte Interaktion) entwickelt. Es geht um die Sinne, die äußere Bewegung, um das Erleben und um die wechselseitige Begegnung mit den Erkrankten. Und vor allem um eine Haltung die sich an fünf Leitsätzen orientiert: Würde, Würdigung der Ressourcen, Würdigung der Beziehung und Resonanz, Würdigung des Erlebens und Würdigung der Sinnlichkeit.
Als Möglichkeiten zur erlebens-orientierten Alltagsgestaltung hinsichtlich Pflege und Begleitung werden die Achtsamkeit der Sinne (vielfältige Angebote, um den Sinnen wieder achtsam zu begegnen und diese wieder neu aktivieren zu können), Bewertungstraining statt Gedächtnistraining (Bewertungssystem der erkrankten Person reaktivieren, fördern und trainieren), Resonanzen des Herzens (eigene Resonanzen erspüren und als Hinweise auf mögliche Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche der Betroffenen hinter dem gezeigten Verhalten nutzen), würdigende Biografiearbeit (die die Sammlung faktisch-biografisch erlebensrelevanter Daten, individuelle Prägungen, Neigungen und Vorlieben sowie die körperliche und emotionale Identität umfasst) sowie Vertrautheit genannt, detailliert beschrieben und veranschaulicht.
Was Pflegende brauchen
Neben der Achtung der Bedürfnisse und der notwendigen Hilfestellung für demenziell erkrankte Menschen, ist es ebenso wichtig auf pflegende Angehörige und professionelle Pflegekräfte zu schauen. Auch für die Helfenden wirkt sich die Erkrankung als Krise aus, mit vielfältigen Auswirkungen auf das eigene Erleben und auch auf die persönlichen Lebensumstände. Häufig löst die Erkrankung intensive emotionale Resonanzen hervor, vor allem Hilflosigkeit. Pflegende brauchen daher insbesondere verstehendes Mitgefühl, Krisenmanagement, Beziehungskontinuität und Beziehungsfähigkeit, ein Erlaubnisklima, Haltung statt Techniken sowie angemessene Rahmenbedingungen und Entlastung.
Ausklang: Würde bis zuletzt
Um den erkrankten Personen, in einem Stadium der zunehmenden Fremdbestimmtheit, bis zuletzt in Würde zu begleiten, ist es vor allem wichtig, anzuerkennen, was die persönliche Würde subjektiv für die Person ausmacht und diese genau in dieser Ausprägung ernst zu nehmen. Es bedarf der Achtsamkeit, Wertschätzung und des Respekts für das Gegenüber, aber auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen persönlichen Erleben und den damit verbundenen individuellen Grenzverletzungen. Die als würdevoll empfundene selbstbestimmte Begegnung von Mensch zu Mensch oder von Herz zu Herz wieder.
Persönliche Reflexion
Das Buch „Das Herz wird nicht dement“ ist für mich zu einem wertvollen Begleiter geworden, der immer wieder daran erinnert, dass eine demenzkranke Person viel mehr ist, als die Defizite, die aufgrund der Erkrankung häufig in den Vordergrund gerückt werden. Es schenkt Perspektiven für einen wertschätzenden, würdevollen und liebevollen Umgang mit betroffenen Personen. Lenkt man den Blick auf den Gefühlsreichtum, die Ressourcen und das implizite Gedächtnis, so kann die
Barbara Nepp, MA – Buchrezension:
Baer, U., Schotte-Lange, G. (2013). Das Herz wird nicht dement. Weilheim: Beltz Verlag.
Betreuung und Begleitung sowohl für die zu pflegenden Personen als auch für die Pflegenden besser gelingen. Es hilft dabei, die Gefühlswelt, die Nöte und die Sorgen an Demenz erkrankte Personen besser zu verstehen, aber auch die Ressourcen mehr in den Mittelpunkt zu rücken.
Baer und Schotte-Lange schreiben fundiert, informativ und sehr anschaulich mit Fallbeispielen aus der Praxis. Gerade anhand dieser vielen beschriebenen Situationen und Beispiele, wird ein anderer Blick auf die Krankheit eröffnet sowie häufig auch alternative Handlungsmöglichkeiten angeboten.
Das Buch ist sowohl für Menschen die Demenzkranke professionell pflegen und begleiten als auch für pflegende Angehörige geschrieben. Aus meiner Sicht kann jeder der mit dem Thema Demenz in Berührung kommt von diesem Buch profitieren. Insbesondere die klare, einfache Sprache und die Kompaktheit ermöglichen Laien genauso wie Profis einen raschen Zugang zur Kernaussage des Buches.
Mich hat es in meiner Haltung gegenüber Menschen mit Demenz wesentlich und nachhaltig geprägt. Schon alleine den Titel „Das Herz wird nicht dement“ in der Begegnung mit erkrankten Personen immer wieder in Erinnerung zu rufen, ist wertvoll, um würdigend auf sie zuzugehen.