Das Kind in mir

Autor: Arnold Mettnitzer

Verfasserin der Kurzbeschreibung: Michaela Cornelia Mayer

 

Der Autor

Arnold Mettnitzer ist studierter Theologe in Wien und Rom, war Seelsorger in der Diözese Gurk-Klagenfurt, machte seine Ausbildung zum Psychotherapeuten der Individualpsychologie bei Erwin Ringel und ist seit 1996 Psychotherapeut in eigener Praxis in Wien.

2003 verzichtete er auf den Dienst im Rahmen der kirchlichen Seelsorge und ist freier Mitarbeiter des ORF.

 

Das Buch faszinierte mich von Anfang an, da es ein philosophischer Wegweiser durch den Alltag ist. Der Autor lädt ein, neue, alte Sichtweisen zu überdenken und dadurch möglicherweise eine andere Haltung Menschen und Ereignissen gegenüber einzunehmen. Und so bin ich auch schon, was mich betrifft, bei der Kernaussage des Buches angelangt: Was geändert werden muss, ist nicht das Verhalten, sondern das, was das Verhalten steuert: die innere Haltung, die innere Einstellung eines Menschen, denn sie ist es, die dafür verantwortlich ist, dass er sich so verhält, wie er sich verhält. Das erreichen wir aber nicht durch den Besuch von Vorträgen und mit dem Einholen von Ratschlägen, sondern in erster Linie in Zwiesprache mit uns selbst, durch Erlebnisse, die uns unter die Haut gehen, durch irgendetwas, das uns fasziniert, wofür wir uns begeistern können. Alles, was ein Mensch aus Begeisterung tut, macht ihn lebendig. Wenn aber die Routine des Alltags diese Begeisterung zum Verschwinden bringt, sind seine Lebensqualität und die Gesundheit bedroht. Burn-out, Erschöpfung, Depression sind dann die Diagnosen. Eine Therapie in diesen Lebenslagen ist nach Meinung des Autors nur dann sinnvoll, wenn es gelingt, die Glut unter der Asche neu zu entfachen, den verschütteten Traum seines Lebens wieder freizulegen und lebendig zu erhalten. Und nach solch einer Erfahrung weiß er in ganz neuer Weise, wie sehr er den Schatz seines Lebens in zerbrechlichen Gefäßen durchs Leben trägt und wie sehr ihn jede Begegnung beeinflusst, prägt und verwandelt. Mettnitzer regt mit seinem Buch an, seine Lebensweise und seinen Alltag bewusst zu hinterfragen und sich auf diese Art mit sich auseinander zu setzen.

Er greift hier verschiedenste Themen auf, wie den Umgang mit der Zeit, das richtige Maß, die Beziehung zu sich selbst und anderen. Er erzählt von der Phantasie, schreibt über die innere Freiheit als Tugend und beleuchtet die Notwendigkeit neuer Tugenden und philosophiert über Irrungen und Wirrungen, den Himmel auf Erden, die Begeisterung und den Tod. Zu all diesen Gedanken verwendet er immer wieder Beispiele aus der Lyrik, er zitiert Persönlichkeiten aus der Antike bis in die Neuzeit.

Um ein besseres Verständnis dieser Themen zu ermöglichen, möchte ich ein paar Beispiele und Gedanken aus seinem Buch festhalten.

Die Zeit

„Die Zeit, in der ich lebe, messe ich mehr, als ich sie zu nutzen verstehe. Es gibt kein größeres Messgerät in unserer Kultur, das eine größere Rolle spielt, als die Uhr. Nach ihren Vorgaben regeln wir unseren Tagesablauf, die Zusammenkünfte und Mahlzeiten, alles in einem Rhythmus, in dem jeder immer mit muss. Nicht mehr ich habe die Zeit, die Zeit hat mich.  Im Würgegriff der Genauigkeit messen wir die Zeit mittlerweile in Millisekunden  und Nanosekunden. Immer schneller dreht sich das Karussell, das uns, wenn wir uns nicht aus eigener Kraft daran festhalten können, unbarmherzig zentrifugal von sich schleudert. Was aber weiß ich durch die von mir auf die Sekunde gemessene Zeit? Mache ich mir bewusst, dass mit jeder Sekunde, die verrinnt, ich mich dem Unabänderlichen nähere. Wie achtsam bin ich im Umgang mit meiner Zeit, wie verschwenderisch? Bin ich in der Lage die Zeit auszukosten, die Unlust zu vermeiden und auch in schwierigen Zeiten das Gute nicht zu übersehen. Im Zeitalter der Beschleunigung wächst die Unfähigkeit, auf andere zu- und mit ihnen umzugehen. Die Fähigkeit zu lieben, zu zuhören und sich hinzugeben wird zur Rarität, dafür aber gibt es im „Guinness Buch der Rekorde“ Dauerleistungen im Klavierspielen, Unterwasserküssen zu bestaunen.

Darüber hinaus machen die zur Erleichterung gedachten mechanischen und elektronischen Errungenschaften unser Leben nicht ruhiger und bequemer, sondern hektischer und stresserfüllter. So werde ich als „Kind meiner Zeit“ zum Getriebenen, der überall dort, wo er ist, im Grunde nicht ist. Um diesem Wahnsinn entgegen zu wirken, wäre es notwendig und heilsam, die Zeit auch für sich zu nutzen und auf die Bedürfnisse des eigenen Körpers zu achten. Vielleicht müssten wir dabei als Erstes lernen, uns selbst im Nichtstun zu ertragen, um unserer Seele Raum zu geben, unsere Wunden heilen zu lassen und so zu innerem  Frieden zu gelangen. Am Ende einer solchen wortlosen Reise in unser Inneres wissen wir, dass das Leben nicht so sehr danach verlangt, dass wir es verstehen, sondern dass wir es leben, dass wir es mit offenen Armen geschehen lassen und es – wenn wir Glück haben – als Geschenk begreifen können.

Das richtige Maß

Der Autor zitiert am Anfang dieses Kapitels die Inschrift des Eingangstores eines römischen Palastes, die Jahrhunderte überdauert hat, ein Leitmotiv für ein geglücktes Leben: „ Ne quid nimis“ – von nichts allzu viel. In richtiger Dosierung zu wissen, was wir brauchen, und zu genießen, was wir haben, scheint mehr denn je die große Kunst zu sein. Das heutige Credo für ein geglücktes Leben heißt: „must have“ und das sofort. Wenn wir den Computer einschalten, überschwemmt uns die Werbung mit Angeboten, ob wir wollen oder nicht. Sie versucht uns zu vermitteln, dass wir nur glücklich sein können, wenn wir uns dem Konsumrausch hingeben. Dies scheint eine Variante zu sein, die innere Leere zu füllen. Welch massiver Druck dadurch auf Menschen ausgeübt wird, zeigt unter anderem auch die Schuldenfalle, in die viele Menschen durch den Kaufzwang geraten. Diese Gier nach „Leben“ zeigt sich natürlich auch in allen Süchten. Man muss immer mehr haben oder tun, um sich zu berauschen oder zu betäuben. Die Frage stellt sich: „ Wie kann ich wieder lernen zu genießen? Was brauche ich, um auch mit weniger glücklich sein zu können? Was benötige ich, um mich lebendig zu fühlen.

Freiheit, Ethik und Moral

Ein Beispiel aus China zeigt sehr deutlich, welche Auswirkungen die Gier hat: „Am Rande eines Spielplatzes, wo sich Kindern tummeln, fragt der Schüler den Meister: „Sage mir doch, wie es kommt, dass alle Menschen glücklich sein wollen und es doch nicht werden?“ Der Meister zeigt auf die spielenden Kinder: „Ich glaube, die sind glücklich“. – „Wie sollten sie nicht?“ entgegnete der Schüler. „Es sind Kinder, und sie spielen. Wie aber ist es um das Glück der Erwachsenen bestellt?“ – „Wie um das Glück der Kinder, genauso,“ entgegnete der Meister.

Indem er dies sagt, wirft er eine Handvoll Kupfermünzen unter die spielenden Kinder. Das verstummt mit einem Mal das fröhliche Lachen und die Kinder stürzen sich auf die Kupfermünzen. Sie liegen am Boden und raufen um ihren Besitz. Geschrei und Gezeter lösen das frohe Lachen ab. „Und nun“, fragt der Meister, „was hat ihr Glück zerstört?“ – „Der Streit“, erwidert der Schüler. „Und wer erzeugte den Streit?“ – „Die Gier“ – „Da hast du die Antwort auf deine Frage: Alle Menschen erfüllt die Sehnsucht nach dem Glück, aber die Gier in ihnen, es zu erjagen, bringt sie gerade um das, was sie sich sehnlichst wünschen.

Mettnitzer geht in diesem Essay auf die Tugend der Freiheit im Sinne von Ethik ein und spricht hier die Pflicht der Verantwortung an, den selbst wer guten Willens ist und moralische Kompetenz besitzt, ist nicht frei von Irrtum und Schuld. Wer aber die Ethik zum Prinzip seines Handelns macht, bekundet seine Absicht, Irrtümern und Schuld möglichst wenig Raum zu geben.

Zwei fundamentale Erfahrungen

Nach Meinung des Autors kommt jeder Mensch mit zwei fundamentalen Erfahrungen zur Welt, die er schon vorgeburtlich als Embryo im Mutterleib gemacht hat. Sie bestimmen als Glückskoordinatoren das Leben jedes Menschen.

Nie wieder ist ein Mensch so eng verbunden, wie mit seiner Mutter. Ein neugeborenes Kind hofft also, dass da jemand ist, der ihm Geborgenheit und Schutz gibt, ihm das Gefühl gibt, dazuzugehören und nicht allein gelassen zu werden.

Eine zweite Erfahrung, die es im Mutterleib gemacht hat: es ist gewachsen und konnte sich entfalten. Und daraus entsteht seine Erwartungshaltung, dass es da draußen so weitergehen kann, dass es  nach der Geburt Gelegenheiten findet, wachsen zu dürfen, seine Potenziale entfalten zu können, Aufgaben zu finden, an denen und durch es wachsen und zeigen kann, dass es etwas kann.

Damit ist in wenigen Sätzen das Spannungsfeld beschrieben, in dem der Mensch sein Leben verbringt. Die Sehnsucht wachsen zu dürfen und gleichzeitig verbunden zu sein.

Reflexion des Buches

Das Buch hat mich von Anfang begeistert, ist es, wie eingangs erwähnt, einerseits ein philosophischer Blick auf das Leben und andererseits ein Buch, welches auf dem Nachtkästchen liegend, immer wieder zur Hand genommen werden kann. Es ist ein Begleiter für den Alltag, der immer wieder zum nachdenken anregt. Es ist keinesfalls ein Buch, welches man liest, um es dann in ein Regal zu stellen.

Das Buch ermöglicht neue Sichtweisen und ist getragen vom Respekt und der Anerkennung des Menschen und ermöglicht einen neuen Zugang zu sich selbst und anderen. Für Menschen, die auf der Suche sind, ist dieses Buch ein wunderbarer Begleiter.