Das Phänomen C.G. Jung. Biographische Wurzeln einer Lehre

Autor: Anthony Stevens

Kurzbeschreibung von einem/r LSB-AbsolventIn

 

Über den Autor

Dr. Med. Antony Stevens führt seit über 20 Jahren eine psychotherapeutische Praxis in London und lehrt als Dozent an C.G. Jung Instituten in Europa und den USA.

Zum Buch

Das Buch erläutert die Lehre von Jung, mit einem persönlichen mit Bezug auf sein Leben, seine Werke und seine Lebensphasen gesehen im archetypischen Programm.

„Das Phänomen C.G. Jung“ gliedert sich in drei Teile; im ersten Teil werden das Werk und die klassischen Begriffe laut Jung erläutert, im zweiten und dritten Teil geht es um das Leben C.G. Jungs, seine Individuation und das archetypische Programm der Lebensphasen. Ähnlich dem Buch wechsle ich untenstehend jeweils vom archetypischen Programm des Lebens direkt zur Biographie von Jung, diese möchte ich in blau hervorheben.

Sehr treffend finde ich hier ein Zitat des Autors über C.G. Jung. : „Indem er sich nach innen wandte, war er als einzelner Mensch imstand, den universalen Menschen, der in den dunklen Abgründen seiner eigenen Seele verborgen ist, zu entdecken. Aus diesem Grund verdienen er und seine Psychologie die gleiche Aufmerksamkeit. “

Da ich ein Buch eigentlich fast nie vom Anfang bis zum Ende lese (vor allem Sachbücher) möchte ich auch hier mit dem zweiten und dritten Teil beginnen:

Von Geburt bis ins reife Alter

Die Kindheit

Das archetypische Programm; Die Erfahrung in der Kindheit von der Mutter umsorgt und behütet zu sein, vermittelt dem Kinde ein Urvertrauen und das Gefühl, dass man sich auf seine Mutter und die Umwelt verlassen kann. Die Mutterliebe ist normalerweise unkritischer und allumfassender als die Vaterliebe. Vaterliebe ist eine bedingte Liebe, abhängig davon, ob das Kind bestimmte Werte und Maßstäbe annimmt, die der Vater vorgibt.

Das stimmt lt. Jung auch mit dem Archetyp von Vater und Mutter überein. Der Archetyp der Mutter ist die Natur, Fruchtbarkeit und Nahrung, die des Vaters ist der Herrscher oder der König.

Carl Gustav Jung wurde 1875 in Kesswi/, am Bodensee geboren. Sein Vater war Pastor Johann Paul Achilles Jung. Seine ganze Ursprungsfamilie war beeinflusst von Medizin, Religion und Naturwissenschaft und Glaube.

Jungs Mutter war während seiner frühen Kindheit, mehrere Monate im Krankenhaus aufgrund einer depressiven Erkrankung. Jung war erst drei und die Trennung von seiner

Die frühen Erwachsenenjahre

Das archetypische Programm; Die frühen Erwachsenenjahre sind die Zeit, in der man sich am stärksten um die

Persönlichkeit Nr. 1 bemüht. Man investiert viel in sein Ich-Wachstum. Für die meisten Menschen ist es die Zeit, in der sie heiraten, Kinder bekommen, ein Haus bauen, und die Karriere antreiben. Es ist nicht die Zeit, in der man viel Zeit für die innere Entwicklung aufbringen kann und will. Viel Potential bleibt verborgen im Selbst und wird in späteren Jahren erst ans Licht geholt.

Der junge Mensch ist so sehr empfänglich für Anima/Animus, so dass das Phänomen Liebe auf den ersten Blick keine Seltenheit darstellt. Der Mann braucht die Frau entweder als Mutter oder als Gefährtin, wenn er sich selbst erfüllen soll. Lt Jung strebt so der Archtetyp nach seiner eigenen Erfüllung.-

Bei der Frau ist es dasselbe, Anima und Animus sind untrennbar miteinander verbunden.

Jung schloss sein Medizinstudium in kürzester Zeit mit Auszeichnung ab. Er verließ daraufhin Basel und zog nach Zürich. Jung wollte nicht in Basel weiter als Sohn eine Pastors und Enkel seines Großvaters, Professor C.G. Jung leben. Er wollte sich nicht von außen in vorhinein in eine gewisse Kategorie einordnen lassen.

Er hatte das Glück im psychiatrischen Krankenhaus Burghölzli eine Stelle als Assistent bei Eugen Bleuler zu bekommen. Für Jung waren die neun Jahre in Burghölzli eine Lehrzeit von unschätzbarem Wert. Er beschäftigte sich dort hauptsächlich mit Schizophenie-Patienten.

1903 heiratete Jung Emma Rauschenbach. Jung hatte sich in das Mädchen verliebt, als diese erst 14 Jahre alt war und musste längere Zeit um sie werben. Sie war Tochter einer reichen Familie, während er kaum Geld besaß.

Sie bauten sich ein Haus am See in Küsnacht. Emma gebar 5 Kinder, vier Mädchen und einen Jungen.

Jung wurde in seinem Beruf rasch berühmt. 1907 lernte er Freud in Wien kennen. Jung fand in Freund eine Vaterfigur, der ihn verstand, förderte und die Vaterfigur darstellte, die sein Vater nie war. Es folgten einige Jahre der erfolgreichen Zusammenarbeit. Beide Männer inspirierten einander.

1913 fand Jung jedoch dass es an der Zeit war seine Verbindung mit den Freudianern aufzulösen. Gleichzeitig gab der die Privatdozentur an der Universität Zürich auf. Bis zur Publikation von Symbole der Wandlung war Jung in einem Dilemma. Er war sich bewusst dass er die Freundschaft von Freund verlieren würde, wenn er seinen eigenen Thesen.

So unangenehm diese Krise in der Lebensmitte ist, so stellt sie auch einen Anreiz zum Aufwachen dar. Im Allgemeinen findet man es leichter, das Leben in den äußeren Umständen zu ändern als das innere Leben. Man lässt sich scheiden, wechselt die Arbeitsstelle, zieht um anstatt eine neue Richtung im Leben selbst einzuschlagen. Was nötig wäre ist eine innere Bestandsaufnahme, was man erreicht hat aber auch was man versäumt hat und das was noch nach Erfüllung strebt. Wenn man das zuwege bringt, hat man einen Schritt in Richtung Individuation getan.

Jung war bis auf die oberste Sprosse der psychoanalytischen Leiter gestiegen und die Erkenntnis, dass die Leiter an der falschen Wand lehnte, hatte den Verlust von allen was er erreicht hatte zur Folge. Jung trennt sich von Freud und verlor seine Privatdozentur an der Universität Zürich.

Nachdem Jung keine äußerlichen Autoritäten hatte, an denen er sich wenden konnte, suchte er Konfrontation mit seinen Inneren, seinen unbewussten Anteilen. So stellte zum Beispiel Philemon eine wichtige Figur in seinen Imaginationen dar. Er entdeckte durch ihn seine innere Autorität und er war gleichzeitig die Vorwegnahme der charismatischen Persönlichkeit die Jung in späteren Jahren darstellte.

Durch aktive Imagination betrat er Bereiche der Psyche die normalen Menschen unzugänglich sind. Er begann zu verstehen, dass das Ziel jeglicher psychischer Entwicklung das Selbst ist.

„Die Jahre, in denen ich den inneren Bildern nachging, waren die wichtigste Zeit meines

Lebens, in der sich alles Wesentliche entschied. Damals begann es, und die späteren Einzelheiten sind nur Ergänzungen und Verdeutlichung. Meine gesamte spätere Tätigkeit bestand darin, das auszuarbeiten, was in jenen Jahren aus dem Unbewusstem aufgebrochen war und mich zunächst überflutete. Es war der Urstoff für ein Lebenswerk. (ETG. S203)

Die mittleren Jahre

Das archetypische Programm; „Der Mensch würde gewiss keine siebzig und achtzig Jahre alt, wenn diese Langlebigkeit dem Sinn seiner Spezies nicht entspräche. Deshalb muss auch sein Lebensnachmittag eigenen Sinn und Zweck besitzen und kann nicht bloß ein klägliches Anhängsel des Vormittags sein“.

Jung betrachtete ältere Menschen im Wesentlichen als Bewahrer der Weisheit. So als würde man einschlafen und kurz bevor man einschläft, innehält und in diesem Zustand bleibt. Mit etwas Übung gelingt dies für einen längeren Zeitraum von ca. 20 Minuten bis zu einer Stunde. So kann man vom Zuschauer zum aktiven Teilnehmer an der Handlung werden.

„Wenn man aber seine Beteiligung erkennt, so muss man selber mit seiner persönlichen Reaktion in den Prozess eintreten, wie wenn man selber eine Phantasiefigur wäre oder besser, wie wenn das Drama, das sich vor seinen Augen abspielt, wirklich wäre. Es ist nämlich eine psychische Tatsache, dass sich diese Phantasie ereignet. Sie ist so wirklich, wie man als psychisches Wesen wirklich ist. Vollzieht man diese entscheidende Operation nicht, dann überlässt man alle Wandlungen seinen Bildern, und man selber bleibt umgewandelt.

Jung geht sogar weiter und sagt, dass sich nicht die Figuren aus unserem psychischen Zustand ableiten, sondern der psychische Zustand von den Figuren.

Meistens ist es so, dass als erste Figur der Schatten auftritt. Der Schatten besitzt alle Eigenschaften die das Über-Ich hasst und verachtet. Normalerweise projiziert man diese Eigenschaften auf andere, und erkennt sie nicht in sich selbst. So mancher Zusammenbruch um die Lebensmitte kommt zustande, weil zu viel des Selbst im Schatten lag, wo es nicht ausgelebt wurde.

Die Übergangsphase zum Alter

Das archetypische Programm; Hier spricht man vom Alter zwischen 65 und 75 in etwa. Dieser Übergang ist oft begleitet von einem Unfall bzw. Verletzung oder einer Krankheit. Krankheit und Tod rückt in greifbare Nähe. Jung fand, dass in diesem Stadium die inneren Figuren immer wichtiger werden, man verliert die Bezugspersonen im Außen und braucht im zunehmenden Maße das Selbst und hat nun auch genügend Zeit sich der Individuation zu widmen.

In dieser Lebensphase werden 3 Verhaltensweisen ersichtlich. Erste: Der Mensch fühlt sich vom Alter überfordert und wird deprimiert und hilflos. Zweite: Er sucht Zuflucht in der täglichen Routine und versucht so das Wissen über seine Sterblichkeit zu verdrängen. Dritte: Er wird sich seiner bewusst und erlangt Wachstum und erkennt das Leben und Tod untrennbar miteinander verbunden sind und transzendiert, sozusagen seine Existenz als den Willen des Kosmos zu akzeptieren.

Der Tod

Das archetypische Programm; Im Alter von 82 Jahren begann Jung seine Autobiographie mit dem Worten „ Mein Leben ist die Geschichte der Selbstverwirklichung des Unbewusstem…“ Sein Ruhm gemäß erhielt er viele Besuche und Ehrungen.

Jung freute sich weiter an der Natur, guten Essen und an seinen „inneren Bildern“. Im Juni 1961 verstarb er nach zwei Schlaganfällen innerhalb einer Woche.

Zwischen Komplex und Archetyp besteht eine enge Verbindung, da Komplexe eine Personifizierung von Archetypen darstellen. Komplexe haben ein gewisses „Eigenleben“. „eine Tatsache, die bei abnormalen Geisteszuständen besonders offensichtlich ist“. (z. b. halluzinatorische Stimmen bei Schizophrenen). Außerdem ist ein Komplex außerhalb der Reichweite des bewussten Willens. Komplexe können sich sehr hemmend auf die Fähigkeiten ausüben, so frei zu leben, wie man es gern möchte.

Will man sich dem Einfluss des Komplexes entziehen, so geht das nur durch Bewusstmachung und Konfrontation.

Das Ich

Das Ich ist der Sitz des Bewusstseins. Es ist das, auf das man sich bezieht, wenn man „ich“ sagt und das Gefühl der Identität. Es organisiert unsere Gedanken und Eingebungen, Gefühle und hat Zugang zu den Erinnerungen. Das Ich ist auch der Träger der Persönlichkeit. Es steht an der Kreuzung zwischen innerer und äußerer Welt. Dies wurde von Jung als der Einstellungstyp definiert: Extrovertiert — die äußere Welt hat größere Bedeutung, oder Introvertiert— die innere Welt wir bevorzugt.

Die Arbeitsmittel des Ichs sind Sinneswahrnehmung, Denken, Fühlen und Intuition. Da hat Jung in den Psychologischen Typen (Typologie) beschrieben.

Die Einordnung nach Grundfunktion:

-Denken

-Fühlen

-Intuieren

-Empfinden

Diese kreuzen sich wiederrum mit dem Einstellungstyp, also extrovertiert oder introvertiert. So erhält man die 8 Möglichkeiten der Typenzuordnung.

Das Ich entsteht aus dem Selbst in der frühen Entwicklung. Das Ich besitzt jedoch eine ausübende Funktion. Es ist der Mittler zwischen Selbst und der Welt und umgekehrt. Das Ich nimmt die Bedeutung wahr und bestimmt die Wertigkeiten.

Seelengefährten zu finden und angenommen zu werden. „Wie der antike griechische Mythos verrät, sind wir immer auf der Suche nach unserer zweiten Hälfte, der Hälfte, die Gott uns genommen hat, und zwar suchen wir die beim anderen Geschlecht.‘

Die Verbindung mit einem Partner ist daher eine Frage des sexuellen Interesses und der gegenseitigen unbewussten Projektion. Für den dauerhaften Erfolg einer Partnerschaft sind dann allerdings notwendig, den anderen so zu lieben und zu akzeptieren wie er ist und nicht an der Verkörperung von Anima und Animus dauerhaft in den anderen zu suchen. Leider geschieht dies nie ohne Schwierigkeiten, „Es gibt kein Bewusstwerden ohne Schwerzen“

Anima oder Animus können vom Schatten betroffen sein, das heißt das ein Mann zum Beispiel seine weiblichen Eigenschaften, die an sich moralische neutral sind, trotzdem als böse wertet und sie unterdrückt. Oder die Anima wird nach außen projiziert und der Mann erwartet von einer Frau, die Verkörperung einer inneren Vorstellung, was oft zu Problemen führen kann.

Anima symbolisiert unterdrückte weibliche Handlungsweisen: Beziehungsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Anpassungsfähigkeit und Wahrnehmung von Gefühlen.

Das Gegenstück zu Anima ist Animus. Animus symbolisiert unterdrückte männliche Eigenschaften wie Aggression, Triebhaftigkeit, Mut, Risikobereitschaft, Eigeninitiative, Innovation und Selbständigkeit.

Diese Eigenschaften werden nach außen über Projektionen auf andere Personen reflektiert oder erscheinen als Personen in Träumen. Jung fand heraus, dass Anima und Animus als Mittler zwischen den Unbewusstem und dem Ich wirken, sowohl in Träumen als auch in der Phantasie. Lt Jung ist die Seele bei Frauen männlich und die der Männer weiblich, so ergänzt sich das Äußere mit den inneren Anteilen.

Homöostase

Homöostase ist das Prinzip der Selbstregulierung und besagt, dass sich biologische Systeme selbst im Gleichgewicht halten. Jung war der Meinung, dass die Psyche ein selbstregulierendes System ist. Sie strebt ständig nach Gleichgewicht zwischen Selbst und Ich, zwischen Persona und Schatten, zwischen männlichen Bewusstsein und der Anima, zwischen weiblichen Bewusstsein und dem Animus, zwischen extravertierten und introvertierten Einstellungen,….

Die Psyche hat ihre Kontrollmechanismus in der ausgleichenden Wirkung der Träume.

Meine Meinung

Insbesondere Jungs Ansichten zum Ganzwerden und zur Selbstverwirklichung für die zweite Lebenshälfte haben mich persönlich angesprochen.

Laut Jung gibt es einen Trieb bzw. Drang zur Selbstverwirklichung. Der Mensch sehnt sich nach Ganzwerdung. Die Individuation, also die Selbstverwirklichung und die Frage nach den Lebenssinn sind Hauptthemen bei Jung im mittleren Lebensalter. Bewusst ist nur das Ich, im Unbewussten schlummert viel Potential, dass man entdecken und integrieren sollte.

„Wir wissen, alles Gute ist kostbar, und die Entwicklung der Persönlichkeit gehört zu den kostspieligsten Dingen. Es handelt sich um das Jasagen zu sich selber – sich selbst als ernsthafteste Aufgabe sich vorsetzen und sich dessen, was man tut, stets bewusst zu bleiben und es in allen seinen zweifelhaften Aspekten sich stets vor Augen halten – wahrlich eine Aufgabe, die ans Mark geht!“ (Jung, in Jacobi 1971, S. 73).

Wie kann man Individuation nun in den Alltag und das Berufsleben übertragen?

Die heutige Zeit ist sehr schnelllebig. Es werden fortwährend neue Anforderungen gestellt, Vieles ändert sich, ist im dauernden Umbruch begriffen. Es fehlt oft der persönliche Bezug zur Arbeit, man ist in ein System eingebunden, ohne sich persönlich einbringen zu können. Es fehlt der Sinn.

Burn-out, Depressionen bzw. Stresserkrankungen nehmen daher immer weiter zu.

Hier kann der Individuationsweg von Jung auf jeden Fall hilfreich sein. Auf sein Selbst zurückgreifen und den eigenen Weg suchen und gehen, sind die besten Voraussetzungen für ein gesundes und glückliches Leben. Mussvorstellungen loslassen und auch die Seiten zu leben, die nicht in unserer Gesellschaft oder nicht in das Leistungsdenken passen.