Der alte König in seinem Exil

Autor: Arno Geiger

Verfasserin der Kurzbeschreibung: Julia Schnabler

 

1. Vorwort

Im Werk von Arno Geiger mit dem Titel „Der alte König in seinem Exil“, erzählt der Autor selbst über die Demenz-Krankheit seines Vaters. Liebevoll schreibt Geiger, wie er und seine Familie mit dem Schicksalsschlag und den damit verbundenen Problemen umgehen, welche Belastungen auf den Erkrankten und die Familie zukommen, aber auch wie er seinen Vater neu kennenlernt und dieser ein anderer Mensch zu sein scheint als er in der Kindheit dachte. Für den Leser offenbart sich eine wunderbare Geschichte über schöne und nicht so schöne Momente des Lebens und den Kampf gegen eine unsichtbare Macht der Krankheit, der manchmal gewonnen, aber noch öfter verloren wird. Die Hauptfigur, August Geiger bringt einem trotz der schwere der Situation immer wieder zum Lachen und Nachdenken, da er seine Situation doch mit Humor nimmt und in klaren Momenten ebenfalls weise Worte findet, die die Grundzüge des Lebens auf den Boden bringen und den Leser anstiftet wieder auf die wichtigsten Dinge des Lebens zu achten. Arno Geiger taucht während der Zeit mit seinem Vater, wieder ganz tief in seine Kindheit ein und besucht Plätze und Ort dieser, welche er während der langen Zeit der Abwesenheit vergessen hatte. Der Autor beschreibt sein Buch selbst als „Ein lichtes, lebendiges, oft auch komisches Buch über en Leben, das es immer noch zutiefst wert ist, gelebt zu werden.“ (Geiger 2012, Rückseite)

Gerade auch dieser Satz hat mich zum Nachdenken angeregt und fasziniert, wie war es ist. Dies und das Geiger viele typischen Symptome der Krankheit genau beschreibt war auch der Grund warum ich dieses Buch gewählt habe. Es ist für mich zu tiefst berührend zu lesen, das Menschen welche Angehörige mit Demenz haben, trotzdem nicht den Kopf hängen lassen, sondern nach wie vor dem Erkrankten ein Leben zu ermöglichen, das noch lebenswert ist, auch wenn es von außen nicht so scheint. Dieses Buch stiftet regelrecht an, sich selbst ein wenig zurückzunehmen und auf die kleineren wertvollen Dinge des Lebens zu achten und so die Achtsamkeit gegenüber dem Leben und sich selbst zu üben und wertzuschätzen.

2. Handlung:

„Was im Leben wirklich wichtig ist“ (Geiger 2012, Buch Rückseite)
Am Beginn des Buches geht Arno Geiger kurz darauf ein, das auch sein Großvater an Demenz erkrankt war, nach dessen Tod, dies aber wieder vergessen wurde und keiner daran dachte, dass dies auch jemand anderen aus der Familie treffen könnte.

Als der Vater Jahre später die gleichen Symptome gezeigt hatte, wurden diese von der Familie als Desinteresse seiner Umwelt interpretiert und das Verhältnis zwischen Arno seinem Vater wurde immer schlechter, da Arno wütend war auf seinen Vater. „Meine ganze Kindheit lang war ich stolz gewesen, sein Sohn zu sein. Jetzt hielt ich ihn für einen Schwachkopf. (Geiger 2012, S. 23) Lange hatte man auch die Vermutung der Antrieb fehle ihn, weil ihn seine Frau nach ca. 30. Jahren Ehe verlassen hatte. Nach und nach machte sich August von seinen Alltagsverpflichtungen frei und zog es vor fernzusehen. Da auch der Vater über die Veränderungen nie sprach, er machte alles mit sich selbst aus – wurde die Krankheit erst im mittleren Stadium diagnostiziert und viele Rätsel rund um die Eigenarten des Vaters wurden hiermit gelüftet und die Diagnose war regelrecht eine Erleichterung. Doch es folgten auch die Schuldgefühle der ganzen Familie, dass man dies nicht früher bemerkt hatte. Für Arno wäre es leichter gewesen mit der Krankheit des Vaters umzugehen, wenn dieses je darüber gesprochen hätte, doch das liegt nicht im Naturell des August Geigers. Im Laufe der Demenz, hat der Vater immer öfter den quälenden Eindruck, nicht zu Hause zu sein, aufgrund der inneren Zerrüttung geht das Gefühl der Geborgenheit verloren, was große Panik auslöst. Da August sehr gerne singt, kann man ihn so beruhigen und ablenken. Arno und seine Geschwister erkennen dann sehr schnell den Ernst der Lage und wissen, dass der Vater gute Betreuung braucht. So wird die „Last“ auf die Familie aufgeteilt. Der Erkrankte durchläuft immer wieder Phasen, z.B. wo er sich für alles bei jedem bedankt, die Angehörigen lernen, dem Vater bestätigende Antworten zu geben, da ihm dies das

Gefühl alles sei in Ordnung gibt. Für Arno ist es anfangs sehr schwer mit der neuen Situation des Vaters umzugehen, denn Eltern sieht man Schwächen viel schwerer an, da man sie als Kind immer als stark wahrgenommen hat. Aber schnell wird klar, dass das Leben eines Demenz-Kranken neue Maßstäbe braucht, für ihn gibt es keine Welt außerhalb der Demenz und so muss man versuchen auf einen gemeinsamen Weg die Bitterkeit zu lindern. Ganz schnell kann es zu einem lichten Moment kommen und es sprudeln plötzlich ganz weise Worte aus dem Vater heraus. Arno Geiger beschreibt dies folgendermaßen: „Die Persönlichkeit sickert Tropfen für Tropen heraus. (Geiger 2012, S. 12) Abends war es immer schlimmer als am Morgen, der

Abend war meist der Vorgeschmack auf das nächste Stadium der Krankheit. Kinder erlernen Fähigkeiten, Dement-Kranke verlieren sie, auch Dinge an denen das Herz das ganze Leben lang hing, werden vollkommen gleichgültig.

„Die Krankheit zog ihr Netz über ihn, bedächtig, unauffällig. Der Vater war schon tief darin verstrickt, ohne dass wir es merkten. (Geiger 2012, S. 20)

In Laufe des Werkes geht der Autor des Buches und Sohn des Demenz-Erkrankten auf dessen Leben ein: August Geiger wurde 1926 in der Vorarlberger Rheintalgemeinde als 3. von 10 Kindern eines Kleinbauern geboren. Die Werte die er durch seine Sozialisation verinnerlicht hatte und diese auch während seines gesamten Lebens wichtig waren, sind stark mit Arbeit und Fleiß verbunden. Er legte immer Wert darauf, sich selbst erhalten zu Können und das man alles reparieren und weiterverwerten kann. Er wuchs in einer Zeit auf, Zwischenkriegszeit und 2. Weltkrieg, wo Kinder sehr streng „gehalten“ wurden und man nicht viel hatte. 1944 wurde er auch eingezogen und er musste an die Ostfront, kurze Zeit später wo er in russische Kriegsgefangenschaft kam und an der Ruhr erkrankte. Er schaffte es irgendwie dies zu überleben und nach vielen Irrwegen wieder nach Hause nach Vorarlberg zu kommen. In dieser Zeit muss sich August geschworen haben, sollte er je wieder nach Hause kommen, wird er sein geliebtes Wolfurt nie wieder verlassen. Diese Einstellung änderte er bis heute nicht, was zu einigen Streitereien mit seiner späteren Ehefrau führte. Ziemlich spät für die damalige Zeit heiratete er eine junge Lehrerin die aus Niederösterreich nach Vorarlberg kam. In der Zwischenzeit wurde er Gemeindeschreiber in Wolfurt und war bei allen Einwohnern bekannt und gern gesehen. Die Ehe war aufgrund des großen Altersunterschiedes und der unterschiedlichen Auffassung von Glück sehr schwer. Sie bekommen 4 Kinder und als diese klein waren, war wohl die glücklichste Zeit der beiden, solange die Kinder klein waren, konnte August auch noch wirklich viel mit ihnen anfangen und die Verbindung kippte. August war ein guter Vater mit der festen Überzeugung, dass es Frauen- und Männerarbeit gibt, der Mutter im Haushalt zu helfen, kam dem Vater gar nicht in den Sinn. Als die Kinder nach und nach flügge wurden, wollte die Mutter die Welt sehen, war neugierig nach Neuem und litt unter den Zwängen ihres da seins, bis sie ihn verlies.

Durch die Phasen der Krankheit gab es immer wieder viele Überraschungen im Alltag, manchmal ging der Vater auf Wanderschaft und man suchte ihn im ganzen Ort. Man fand ihn dann verirrt und mit Schürfwunden, aufgeschlagenen Knien oder Schädel wieder. Er verlor immer wieder seinen Haustürschlüssel, nahm Telefongespräche an und vergaß sofort wer dran war und was dieser wollte. Mit der Zeit kamen neue Fähigkeiten ans Licht und er wurde immer kreativer im finden von Ausreden, seine Sprache änderte sich, er vergaß sein eigenes Haus. An ganz schlechten Tagen hatte er Misstrauen gegenüber jedem, er dachte jemand will ihn hinters Licht führen, die Heimatlosigkeit und das Heimweh wurden schlimmer, er saß zu Hause und im gleichen Atemzug kam der Wunsch nach Hause zu gehen mit der Hoffnung , dort ist die Welt die er verloren glaubte. Menschen die bereits gestorben waren, wurden im Gehirn des Vaters wieder zum Leben erweckt. Leider gibt es für diese Zustände keine Sicht auf Heilung und die Angehörigen hatten großes Mitleid mit ihm, die Gefühle zum Vater veränderten sich. Arno beschreibt dies so: „Uns Gesunden öffnet die Alzheimerkrankheit die Augen dafür, wie komplex die Fähigkeiten sind, die es braucht, um den Alltag zu meistern. Gleichzeitig ist Alzheimer ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft. Der Überblick ist verlorengegangen, das verfügbare Wissen nicht mehr überschaubar, pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsängste. Von Alzheimer reden heißt, von der Krankheit des Jahrhunderts reden. (Geiger 2012, S. 58)

Ohne Ruhe und Pause schritt die Krankheit voran, die Fürsorge für den Vater wurde verstärkt unter den Geschwistern aufgeteilt und es wurde auch Hilfe von Außen geholt zu Beginn nur fürs Aufstehen und Schlafengehen. Dies beschreibt Geiger als kräftezerrende Aufgabe, jedoch gab es auch etwas Positives daran, es stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl der Familie. „Die Krankheit des Vaters hielt den Familienzerfall auf.“ (Geiger 2012, S.64)

Kein Demenzkranker ist wie der andere, Augusts Krankheit verlief im Vergleich relativ langsam und

„Er nahm sein Schicksal gelassen hin, und seine positive Grundeinstellung kam wieder öfter zum Vorschein.“ (Geiger 2012, S. 96)

Bald kam es zu dem Punkt, wo der Vater eine Ganztagsbetreuung brauchte und slowakische Frauen brachten Ordnung in den Alltag, der nach viel Routine verlangte, denn er wusste u.a. auch nicht ob er Hunger oder Durst hatte. Dies tat ihm sehr gut und ein im Großen und Ganzen guter Lebensabschnitt für August begann, auch wenn er Arno oft mit seinem Bruder Paul verwechselte, Arno wusste ja schon wie man damit umgeht. In dieser friedlichen Zeit hatte er oft einen zufriedenen Ausdruck im Gesicht, sang gern, alte Redensarten kamen wieder zum Vorschein und er hatte eine gute Wortwahl. Diese Momente beschreibt Arno folgendermaßen: „In solchen Augenblicken war es, als trete er aus dem Haus der Krankheit heraus und genieße die frische Luft. (Geiger 2012, S. 102) Das Altersdiabetes und auch der Blasentumor, der festgestellt wurde und die darauffolgende Operation irritierten ihn wenig. Sein Zustand konnte sich sehr schnell ändern, je nachdem in welchen Händen er war. Mit manchen Betreuerinnen war er ein Herz und eine Seele, bei anderen jedoch war er panisch, wütend, aggressiv, diese haben meist sehr schnell die Stelle aufgegeben. Immer öfter thematisierte er plötzlich das Wissen über das Nachlassen seiner Fähigkeiten und hatte die Sorge, etwas bleibt unerledigt oder jemand warte irgendwo auf ihn. Es folgten Wahnvorstellungen und Hilfskonstruktionen, mit denen sich der Verstand gegen das Unverständliche und die Halluzination wappnete.

Es wurde der Familie immer mehr bewusst, dass der Platz für ein Miteinander nur die Welt des Vaters sein kann, sonst wird dem Demenzkranken eine Welt aufgezwungen mit der er nichts anzufangen weiß. Der Maßstab, je beruhigender für den Vater, desto besser, gilt. Doch solche Gespräche waren eine Herausforderung für alle Angehörigen, man braucht viel Einfühlungsvermögen und Phantasie um die Unruhe zu beseitigen. Sie lernten durch Fragen seinen Wünschen zu nähern, denn Befehle funktionierten nicht. Wenn die Betreuerin einfach nicht passte, wirkte sich dies schlagartig auf die Krankheit und auch auf die Laune des Vaters aus, er begann mitten in der Nacht panisch seine Kinder zu suchen, sobald diese falsche Betreuerin weg war, war er ausgeglichen, ruhig, fröhlich zufrieden und er trat täglich für kurze Momente aus seiner Krankheit heraus. Es kam auch vor, dass Arno angeschnauzt wurde, wenn er dem Vater die Medikamente geben wollte, denn er wollte diese phasenweise nicht nehmen, doch ohne diese wäre er noch schlechter dran gewesen, dies konnte er aber nicht verstehen. Eine besondere Liebe hatte August zur der Enkelin Eva, das Kind war frei im Kopf und so der Vater auch, sie half öfters über schwierige Situationen hinweg.

Bald war eine Pflege zu Hause nicht mehr möglich und August bekam einen Platz im örtlichen Pflegeheim, was für seine Familie eine schwere Entscheidung war. Doch man war überzeugt, dass er dort die bestmöglichste Pflege erhält. Jahrelang hatte sich das Leben nur um den Vater gedreht und die Angehörigen blieben auf der Strecke. Die Krankheit des Vaters war für alle Kinder und Enkel ein Lehrstück, was es heißt krank zu sein und der Umgang damit. Durch das Heim wurde der Alltag der Familie wieder normaler und mit weniger Sorgen verbunden. Die Besuche in Vorarlberg waren für Arno wieder freie und genießbarer, ja sogar die Besuche des Vaters im Heim machten ihm Freude, denn dessen Lebenswille war ungebrochen. „Es gibt da etwas zwischen uns, das mich dazu gebracht hat, mich der Welt weiter zu öffnen. Das ist sozusagen das Gegenteil von dem, was der

Alzheimerkrankheit normalerweise nachgesagt wird — dass sie Verbindungen kappt. Manchmal werden Verbindungen geknüpft.“ (Geiger 2012, S. 179) August genießt die Gespräche mit den anderen Heimbewohnern. An besonderen Tagen wird der Vater nach Hause geholt, da manche Familienmitglieder nicht fähig sind ihn im Heim zu besuchen. Doch auch im Heim kommt es immer wieder vor, dass der Vater nach Hause gehen möchte, doch durch Ablenkung werden auch solche Situationen entschärft. Arno Geiger schreibt über einen Besuch: „Es trifft mich immer unvorbereitet, wenn mir der Vater mit einer Sanftheit, die mir früher nicht an ihm aufgefallen ist, seine Hand an die Wange legt. (…) Dann erfasse ich, dass ich nie enger mit ihm zusammen sein werde als in diesem Augenblick.“ (Geiger 2012, S. 183)

3. Nachwort

Das Buch hat mich zutiefst beeindruckt und ich bewundere den Erkrankten selbst, wie dieser sich seinem Schicksal hingibt, dies auch in lichten Momenten akzeptiert und das Beste aus der Situation zu machen scheint. Ich habe es gewagt, mich nach dem Lesen, in die Situation eines AlzheimerKranken hineinzuversetzen, kann es für den Erkrankten selbst vielleicht auch schöne Momente geben? Kein Tag ist wie der andere, man lernt jeden Tag neue Menschen kennen, wenn da nicht die Sicherheit und Geborgenheit fehlen würde, wäre es ein beneidenswertes Leben, jedoch nur auf den ersten Blick. Diese Geborgenheit versuchen die Kinder dem Vater zu geben, zuerst zu Hause und dann im Pflegeheim, dass es sich bei der Pflege der Erkrankten nicht nur um medizinische als wichtigstes handelt sondern auch um die zwischenmenschliche Liebe.

Ich selbst habe mit Demenzkranken keinerlei Erfahrungen, doch trotzdem bin ich davon überzeugt, dass dieses Buch Angehörigen Mut macht, und man noch so einer Diagnose bei einem geliebten Menschen nicht dem Kopf in den Sand stecken muss.