Die Heilkraft der Musik – Eine Einführung in die Musiktherapie

Autor: Werner Kraus

Verfasser: Noah Slanina

 

1. Warum hast du diese Literatur gewählt?

Dieses Buch war, wie auch das erste, ein Einführungswerk in den Bereich, mit dem
ich mich beschäftige und könnte daher, so dachte ich, kein Fehlgriff sein.
Außerdem hat mich der Titel „Die Heilkraft der Musik“ angesprochen.
Zuletzt, an Nüchternheit vermissend: Mir hat das Buchcover gefallen.

2. Inhaltsbeschreibung

Werner Kraus ist Kulturreferent in Bayern und interessiert sich für Musiktherapie,
daher entschied er sich, dieses Buch als Herausgeber zu gestalten. Das Buch
„Heilkraft der Musik“ ist das dritte Buch, das er herausgegeben hat. Es enthält
neben Artikeln des Herausgeber und eines Berufsmusikers Beiträge von
verschiedenen Musiktherapeuten zu den diversen Themen: Wie arbeiten
Musiktherapeuten? Wer braucht Musiktherapie? Wie hilft Musik im Alltag?
Die Einleitung besteht aus zwei Artikeln: „Die Heilkraft der Musik“ von Werner
Kraus und „Die Macht der Musik – Gedanken eines Musikers“ von Wolfgang
Lackerschmid. Ein Abriss über die Geschichte der Psychiatrie und der
Psychotherapie bis hin zum heutigen Tag wird der Geschichte der Musiktherapie
gegenübergestellt. Diese beginnt laut Autor in der Zeit von König David, der für
Saul die Harfe spielte, um einen bösen Geist von ihm zu vertreiben. Auch bei
zahllosen Naturvölkern wird Musik zur Heilung angewandt. Doch auch in unserem
Kulturkreis kam Musik schon länger zum Einsatz – Berichte aus dem 16. und 18.
Jahrhundert sind überliefert. Auch die Methoden der Musiktherapie werden
angesprochen, wobei hier wieder auf die Vielfalt der Methoden verwiesen worden
ist. Bewusstes Hören und schöpferisches Tun schlägt der Autor als Prophylaxe
gegen Krankheit oder Krisen vor. Auf die Frage „Wie wirkt Musik?“ folgen einige
anatomische und physiologische Fakten. Bezugnehmend auf Hermann Rauhe und
Reinhard Flender nennt der Autor einige positive Wirkungen von Musik: So
bewirkt zum Beispiel bewusstes Hören eine Entfaltung der Wahrnehmungs- und
Erlebnisfähigkeit, den Abbau von Spannungen und Angst und vermittelt ein Gefühl
von Geborgenheit. Aktives Musizieren unterstützt die Entfaltung der
Persönlichkeit und die Entwicklung der Kreativität. Der erste Artikel schließt mit
Hintergrundinformationen, wie es zu dieser Buchidee kam, nämlich dass es an
Einstiegswerken zur Musiktherapie fehle. Der zweite Artikel, von einem
Berufsmusiker namens Lackerschmid, behandelt zuerst die Bereiche
musikalischer Berieselung und Manipulation und musikalischer Selbsttherapie. Er
unterteilt die passiv erlebte Musik in freiwillig und unfreiwillig konsumierte und
warnt vor der gezielt eingesetzten Berieselung in Kaufhäusern und am
Arbeitsplatz, um Kaufbereitschaft und Leistung zu steigern. Zum freiwilligen
Bereich zählt er die Musik als Selbsttherapie, wobei er hier verschiedenes
hinzuzählt, wie Musik zum Aufwachen, für Haushaltsarbeiten, etc.. Über die
interkulturell verbindende Wirkung von Musik schreibt der Autor ebenso wie über
die Macht der Filmmusik, bestimmte Gefühle im Zuschauer zu wecken. Er
reflektiert eigene Erfahrungen zum Thema „Beeinflussung von Stimmungen“
durch Musik, wobei es z.B. um die Rezeptionsfähigkeit von Kinder geht: Er habe
erlebt, Kinder könnten mehr und längere Musik hören, als ihnen oft zugetraut
würde.
Vom Sinn und Unsinn des Missionierens eigener Musikvorlieben ist ebenfalls zu
hören, genauso wie Reflexionen zum Thema „Leben mit Musik“. Der Autor erzählt
vorwiegend von seinen Erfahrungen als Berufsmusiker.
Der folgende Teil des Buches widmet sich der Frage, wie Musiktherapeuten
arbeiten. Ab hier kommen nur noch verschiedene praktizierende
Musiktherapeuten zu Wort. Den Anfang macht Monika Nöcker-Ribaupierre mit
ihrem Artikel „Geschichte, Methoden und Anwendungsgebiete der Musiktherapie“.
Ein kurzer Abriss zur Bedeutung der Musik für die Menschheitsgeschichte geht
über in die vielfältigsten Informationen zu Musik in bestimmten Lebensbereichen,
zur akustischen Rezeptionsfähigkeit des Menschen, etc.. Eine Einführung in die
neuere Geschichte der Musiktherapie wird relativ ausführlich beschrieben. Von
der MusikMedizin, die versuchte, die Wirkung von Musik über messbare
vegetative Reaktionen zu erklären, wird berichtet. Dies brachte bei
unterschiedlichen Klienten jedoch sehr widersprüchliche Ergebnisse. Daraufhin
entstand die Musik-Rezeptionsforschung als neuer Bereich. Mit der Zeit
entwickelte sich daraus eine erweiterte Sichtweise der Musiktherapie. Die Autorin
kommt zu dem Schluss, dass Musiktherapie heute ein Sammelbegriff für
verschiedene musiktherapeutische Konzeptionen ist, wobei es hier verschiedene
Schwerpunkte gibt. Die funktionelle Musik, die rezeptive und die aktive
Musiktherapie werden als die drei wesentlichen methodischen Richtungen
genannt. Die Autorin erklärt vor allem das Formale. Demnach wird in der
MusikMedizin Musik zur Milderung von körperlichen und psychischen Störungen
genutzt. Die größte Rolle spielt ein solcher Einsatz von Musik in der Anästhesie
und bei der Behandlung von Schmerzpatienten, besonders bei
Krebserkrankungen. Auch zur Aktivierung nach einem Schlaganfall oder zur
Begleitung einer Physiotherapie kann die MusikMedizin genutzt werden. Die
Funktionelle Musik wird von der MusikMedizin abgegrenzt, wobei es einige
Überschneidungen gibt. Behandlungsziel und Musik hängen ähnlich eng
zusammen, es wird aber der Therapeut wichtig, allerdings ist die therapeutische
Beziehung noch nicht gefordert. Eingesetzt wird dies zum Beispiel in der
Rehabilitation, wo Herz- und Kreislaufpatienten gemeinsam mit einer speziellen
Musikauswahl klassische Entspannungsübungen angeboten werden, damit sie
lernen, Stress abzubauen. Ebenfalls eingesetzt wird dies bei Patienten mit Stimmund
Sprachstörungen oder bei jungen Menschen mit Hyperaktivität. Auch im
Bereich der Behindertenbetreuung kommt Funktionelle Musik zum Einsatz. Auch
die rezeptive Musiktherapie, die das Hören von Musik in den Mittelpunkt stellt,
wird beschrieben. Die Regulative Musiktherapie ist eine ihrer Vertreter und wurde
von Christoph Schwabe in der DDR entwickelt. In der rezeptiven Musiktherapie
werden neben dieser ebengenannten noch das Katathyme Bilderleben mit Musik
und Guided Imagery and Music als Methoden eingesetzt. Diese werden
ausführlich beschrieben. Auch die Aktive Musiktherapie wird geschildert, hier
werden unter anderem die Orff-Musiktherapie, die antrophosophische
Musiktherapie, die Schöpferische Musiktherapie nach Nordoff/Robbins und die
Aktive Musik-Psychotherapie als Verfahren erwähnt. Im Anschluss wird vor
musikalischen Selbstheilungsangeboten gewarnt, die vielleicht wirken mögen, weil
sie ja auf den entsprechenden Forschungsergebnissen aufgebaut sind, aber nichts
mit Therapie zu tun hätten.
Der nächste Artikel stammt von Tonius Timmermann und behandelt das Thema
„Rezeptive und aktive Musiktherapie in der Praxis“. Diese sind in seinen Augen
nicht unbedingt methodisch und personell getrennte Wege, sondern werden je
nach Situation eingesetzt. Er beschreibt einige methodische Grundlagen und
warnt wiederum vor dem Markt an Kassetten und CDs für bestimmte
Krankheitsbilder. Danach beschreibt er einige geschichtliche Entwicklungen, so
z.B. die unterschiedliche Entwicklung der Rezeptiven Musiktherapie in Schweden
und in den USA, wobei in letzteren vor allem klassische Werke verwendet wurden,
in Schweden hingegen mehr mit Intervallen experimentiert wurde. Danach stellt
er wiederum einige Methoden vor. Musikalische Strukturen werden beschrieben.
Im Teilbereich über die Aktive Musiktherapie wird zunächst das spontane Erleben
der Improvisation beschrieben, zwischen innerem Erleben und äußerer
Inszenierung wird unterschieden, das Ausmaß an Freiheit und Regeln in der
Improvisation wird behandelt (da ja auch nicht jeder Mensch das gleiche Ausmaß
an Freiheit oder Regeln aushält, etc.).
Im folgenden Artikel von Christian Münzberg zum Thema „Klang und Rhythmus –
Wege zur Seele“ werden Erlebnisse einer Klientin während einer
Gruppenimprovisation geschildert. Frau P. arbeitete musiktherapeutisch
traumatische Kindheitserlebnisse auf. Das Improvisieren auf verschiedenen
Instrumenten löste bei ihr große Ängste aus, Erinnerungen an vergangene
Erlebnisse kamen hoch. Nach diesem Fallbeispiel folgt eine Analyse der
musikalischen Bestandteile Klang und Rhythmus, Melodie, Harmonik und
Dynamik.
Der nächste Artikel stammt von Gabriele Engert-Timmermann und befasst sich
mit Atem und Stimme und mit verschiedenen Arten stimmlicher Selbsterfahrung.
Im folgenden Teil des Buches werden vor allem Fallbeispiele und Praxisbeispiele
geschildert. Musiktherapie mit Schrei-Babies, wobei hier ebenso auf die Therapie
mit den Babies wie mit den Eltern eingegangen wird, wird beschrieben.
Gemeinsames Improvisieren und Beziehungsaufbau werden von der Autorin
Gisela M. Lenz geschildert. Auch auf das Entstehen von Schrei-Störungen geht sie
ein, wobei sie es praxisnah beschreibt. Man gewinnt einen Eindruck von der
Situation mit diesen Kinder, von der Eltern-Kind-Beziehung generell und von der
Situation der Beteiligten, auch, wenn man selbst keine Kinder oder Schreibabies
hat. Die affektive Weltsicht des Kindes wird in dem Artikel auch recht eindrücklich
beschrieben.
Den folgenden Teil des Buches will ich in der Beschreibung etwas abkürzen, weil
die Inhaltsangabe sonst wirklich stark ausufern würde. Auch hier folgen wieder
einzelne Artikel zu verschiedenen Themen von unterschiedlichen Authoren, was
mich dazu führt, entwder extrem kurz gefasst oder ausufernd detailliert zu
schreiben. Ich kürze jetzt ab, wobei viele interessante Fallbeispiele dadurch nicht
im Detail dargestellt werden. Musiktherapie mit verhaltensauffälligen Kindern
wird beschrieben, ebenso wie mit behinderten Kindern und bei Magersucht. Fälle
von Depressionen, Schizophrenie und Angsterkrankungen werden ebenso mit
Musiktherapie behandelt. Auch hier werden Fallbeispiele beschrieben, die zum
Teil den schwierigen Weg zur Heilung – oder zu einer Art Heilung, zur Normalität
im Alltag – beschreiben. Suchterkrankungen, psychosomatische Erkrankungen,
Schlaganfall-Patienten, Krebspatienten, Musiktherapie mit alten Menschen und im
Hospiz… die Liste der folgenden Beispiele ist lang und wird von einem jeweils
anderen Autoren ausführlich und lebendig geschildert.
Das letzte Kapitel beschreibt, wie Musik im Alltag helfen kann. Prävention soll
schon vor der Erkrankung helfen, bei Kindern und Jugendlichen könne dies gut
eingesetzt werden, schreibt der Author. Im letzten Teil gibt er den Lesern einige
Übungen und Anregungen für den Alltag mit.

3. Persönliche Reflexion/Nutzbarkeit für dich/Weiterempfehlung

Das Buch ist strukturiert, klar u übersichtlich geschrieben und fachlich sehr
fundiert recherchiert. So sind auch fast alle zu Wort kommenden Autoren
Musiktherapeuten, die wortgewandt aus ihrem Erfahrungsschatz berichten. Die
Vielfalt der Autoren lässt auch die Vielfalt der Möglichkeiten in dem Bereich
durchscheinen. Auch die Vielfalt der behandelten Themen ist enorm, von
körperlichen und psychischen Erkrankungen bis hin zur Arbeit im Hospiz, werden
viele Bereiche ausführlich behandelt. Man gewinnt einen guten Eindruck in das
sehr weite Anwendungsfeld der Methode.
Der Inhalt des Buches deckt sich zu weiten Teilen mit dem des ersten Buches, vor
allem die Teile über Methoden, Grundlagen und Begriffe. Dadurch war es ziemlich
öd zu lesen und ist mir sinnlos vorgekommen. Der Nachteil, ein zweites
Einführungswerk zum selben Thema zu lesen, war, dass es wirklich fad war (dem
hübschen, bunten Einband zum Trotz). Der Vorteil war, vieles gelernt und erfahren
zu haben, was ich sonst nicht erfahren hätte – man kann zu einem großen Thema
einfach nicht alles in ein Buch fassen.
Auch ist es durch die ständig wechselnden Autoren schwer, sich auf den
Schreibstil und auf den Autor einzulassen. Ich persönlich bevorzuge längere Texte
oder Bücher von nur einem Author, solche „Sammelwerke“ finde ich eher
irritierend und gefallen mir persönlich nicht so gut. Aber das ist nur meine
persönliche Sichtweise und hat mit der Qualität der Schilderungen natürlich
nichts zu tun.
Noch etwas störte mich: Manches hätte noch in das Buch hineingehört. Zum
Beispiel wird nicht darauf verwiesen, dass eine Deutung von Symbolen immer
persönlich ist, und dass Symbole immer mehrdeutig sind. Das kommt mir dann
wieder etwas kurz gefasst vor, was aber der Tatsache geschuldet sein mag, dass
jeder Author nur einen Artikel und eben nicht ein Buch verfassen hatte.
Berührend waren zum Teil die Fallbeispiele. Vor allem die Schilderungen aus der
Arbeit mit Krebspatienten während der Chemotherapie und mit Hospizpatienten,
aber auch z.B. mit Schizophreniekranken sind persönlich sehr berührend. Die
Fallbeispiele haben das Ganze aufgelockert und interessanter gemacht. Der
Höhepunkt des Buches waren die Übungen am Schluss, die lustig und lehrreich
zugleich waren und die alleine sowie in der Gruppe gemacht werden konnten.
Das Buch war interessant, man kann schon einen Einblick in diese spezielle
Materie gewinnen, sich eine Übersicht machen und sich ein bisschen in das
Thema einlesen. Es war alles insgesamt gut beschrieben und aufgearbeitet. Es war
sehr spannend, von den vielen Fallbeispielen zu lesen. Dadurch konnte ich mir
eine Übersicht über die Anwendungsfelder machen und einen Eindruck darüber
gewinnen. Auch die Übungen haben mich interessiert. Allein und zu zweit
durchgeführt, sind sie sehr lehrreich und spannend. Der Stil des Buches mit
seinen wechselnden Authoren war allerdings wie schon gesagt nicht so meines,
und durch die verschiedenen, sehr ausführlich geschilderten Artikel was das Buch
über weite Strecken trocken und hat mich im Großen und Ganzen nicht so toll
angesprochen. Die konkreten Beispiele waren im Gegensatz dazu persönlich
ansprechender und haben mir persönlich sehr gut gefallen, hier konnte man auch
einen besseren (wenngleich kurzen) Einblick in die Persönlichkeit der Authoren
gewinnen als bei den Erläuterungen zu den Fachausdrücken und Methoden.
Weiterempfehlen würde ich das Buch Menschen, die gerne kurze Artikel von
verschiedenen Autoren lesen möchten und einen Einblick erhalten möchten.