Ernstnehmen Zutrauen Verstehen

Autorin: Marlies Pörtner

Verfasserin der Kurzbeschreibung: Jasmin Fitz

 

Das Werk „Ernstnehmen Zutrauen Verstehen“ von Marlies Pörtner beschreibt eine personzentrierte Haltung im Umgang mit geistig behinderten und pflegebedürftigen Menschen. Es ist mir in diesem Rahmen nicht möglich, auf alle Kapitel detailliert einzugehen und möchte mich auf das vierte Kapitel „Richtlinien für den Alltag“ und auf das sechste Kapitel „Auswirkungen für die Betreuenden“ konzentrieren.

In der personzentrierten Arbeit gibt es „Richtlinien für den Alltag“, bei denen es sich allerdings nicht um ein unveränderliches Konzept handelt, sondern um eine Orientierungshilfe, bei der beachtet werden muss, was sie in der konkreten Situation (sprich Person, Rahmenbedingungen, Gegebenheiten, usw.) bedeutet. In der Arbeit erfolgreich umgesetzt können diese Richtlinien nur durch ein wahrhaftiges Interesse am Menschen werden.

Folglich ist Zuhören die Grundlage der personzentrierten Haltung. Das umfasst nicht nur das verbal ausgedrückte, sondern bedeutet, auf alle Ausdrücke zu achten und sich in das Leben der Person einzufühlen. (vgl. Pörtner 2014, 51)

Es ist notwendig, den Menschen und das, was gerade da ist ernst zu nehmen. Auch dann, wenn es einem gar unwahrscheinlich erscheint. Oftmals ist es nicht relevant, ob die Geschichten stimmen. Relevant ist, dass es für diesen Menschen in diesem Moment wichtig ist das zu erzählen. Möglicherweise ist es eine Metapher für etwas, das sonst nicht zum Ausdruck gebracht werden kann. Zum Ernstnehmen gehört auch der Grundsatz, dass niemals über, sondern mit anwesenden Personen gesprochen wird. (vgl. Pörtner 2014, 53f)

Ein weiterer bedeutsamer Bestandteil ist die Förderung ihres Bezuges zur Realität. Dafür ist es hilfreich von der Normalsituation auszugehen. Denn oftmals werden Eigenheiten oder Abweichungen von der Norm der Behinderung zugeschrieben, anstatt in Betracht zu ziehen, dass es sich einfach um Persönlichkeitsmerkmale handeln könnte. Ebenso ist es wichtig, sich nicht auf das Bild, welches man von einer Person hat zu versteifen, sondern in Betracht zu ziehen, dass Aussagen und Verhalten, welche nicht dem, von der Person Gewohnten entsprechen, durchaus real sein können.

Insgesamt geht es also darum beim Naheliegenden zu bleiben. Sprich nicht zu interpretieren, oder die Erklärung in der Behinderung zu suchen, sondern genau bei dem zu bleiben, was der Mensch ausdrückt. (vgl. Pörtner 2014, 55-57)

Der Abschnitt „Nicht ständig auf das „Symptom“ starren“ beschäftigt damit, dass bei Menschen die „schwierig“ sind, die Bezugspersonen dazu neigen, sich auf das Problemverhalten zu konzentrieren. Dadurch liegt der Fokus auf dem Symptom und die Person wird immer mehr darauf reduziert. Das kann zu einer Identifikation mit diesem Problem führen. Es ist notwendig, den Blick darauf zu richten, was sonst noch da ist und Möglichkeiten zu schaffen, in denen dieser Mensch andere Erfahrungen machen kann. Dadurch werden Veränderungen schrittweise möglich. (vgl. Pörtner 2014, 65)

Als Folge von weitgehend fremdbestimmtem Leben entwickelt sich oftmals ein starkes Bedürfnis nach Eigenständigkeit. Dieses Bedürfnis kann nicht nur bei Menschen, welche dieses Einfordern vorhanden sein, sondern auch bei Menschen, welche sich angepasst zeigen. Die Bezugspersonen sollten ein Bewusstsein dafür haben, dass beeinträchtigten Menschen weniger Spielraum für Entscheidungen zur Verfügung steht und dadurch „kleine“ Entscheidungen sehr wichtig sein können. „Eigenständig handeln heißt immer auch Verantwortung für sich übernehmen.“ (Pörtner, 2014, 67) Diese Eigenständigkeit sollte – wo und wann immer möglich – den betroffenen Personen gegeben werden. Das beinhaltet, dass ihr Verhalten akzeptiert und respektiert wird, auch wenn es nicht dem Ideal der Bezugsperson entspricht. (Marlis Pörtner 2014, 66f) Eigenständigkeit fördern heißt Wahlmöglichkeiten geben. Wichtig dabei ist, dass reale Entscheidungsmöglichkeiten geboten werden. Das bedeutet, sich vorher zu überlegen, ob der Betroffene tatsächlich ein Mitspracherecht hat und seine Entscheidung auch wirklich berücksichtigt werden kann. Wahlmöglichkeiten sollten individuell an eine Person angepasst sein, also nicht überfordern und für sie überschaubar und sinnvoll sein. (vgl. Pörtner 2014, 71)

Es notwendig, die betroffenen Menschen klar zu infomieren. Das kann dann stattfinden, wenn die Rahmenbedingungen für alle Beteiligten klar sind. Also als Erstes für die BetreuerInnen, und im zweiten Schritt für die Betroffenen. Klar informiert sein ist wichtig, um Wahlmöglichkeiten wahrnehmen zu können. Genauso steht es jedem Menschen zu, auch in Alltagssituationen darüber informiert zu sein, was geschieht und was sich verändert. Nicht alle Mitteilungen, über beispielsweise eine Veränderung in der Tagesstruktur, werden gut aufgenommen und können Gefühle wie Wut, Verunsicherung oder Angst auslösen. Es ist wichtig, auf diese Gefühle einzugehen. Dabei soll klar sein, dass der Rahmen nicht verändert werden kann, sie aber ernst genommen werden. (vgl. Pörtner 2014, 75f)

Auf Gefühle und Wünsche einzugehen erfordert es konkret zu bleiben und herauszufinden, welches Anliegen dahinter steht. Bei Beschwerden oder scheinbar nicht erfüllbaren Wünschen sollte gemeinsam, mit der betroffenen Person, herausgefunden werden, welche konkreten Bedürfnisse dahinter stecken. Oftmals können einzelne Aspekte berücksichtigt werden und Lösungen bzw. Teillösungen entstehen, welche Entlastung bringen. Die Suche nach etwas Konkretem wirkt auch entwicklungsfördernd. Teilweise wird erst klar, worum es eigentlich geht, wenn gemeinsam danach geforscht wird. (vgl. Pörtner 2014, 77-79)

„Die „Sprache“ des Gegenübers finden“ schafft die Voraussetzung um Kontakt möglich werden zu lassen. Es reicht nicht aus, die Sprache des Gegenübers zu verstehen, BetreuerInnen müssen sich auch so ausdrücken, dass sie verstanden werden. Diese Sprache beinhaltet nicht nur das gesprochene Wort, sondern bezieht sich auf die gesamte Ausdrucksweise eines Menschen. So kann es gelingen, Dinge begreiflich und nachvollziehbar zu machen. Diese können somit tatsächlich aufgenommen und verstanden werden. (vgl. Pörtner 2014, 80f)

Um Probleme lösen oder zumindest Verbesserung schaffen zu können muss der eigene Anteil erkannt werden. Alle Beteiligten, auch die BetreuerInnen tragen ihren Teil zu einer Situation bei. Durch die Sicht auf denen eigenen Anteil können Handlungsalternativen erkennt werden. Es gibt immer irgendetwas, das am eigenen Verhalten verändert werden kann. Diese Veränderung kann eine Chance für das Gegenüber sein. Vielleicht wird es diesem Gegenüber dadurch auch Möglich, etwas am eigenen Verhalten zu ändern. Jedenfalls ist das Bewusstsein um den eigenen Anteil für die Betreuenden hilfreich, denn die Situation kann sie dadurch für sich erträglicher gestalten, was sich wiederum auf alle auswirkt. (vgl. Pörtner 2014, 82-84)

Das sechste Kapitel „Auswirkungen für die Betreuenden“ beschäftigt sich zunächst mit der Beziehung zu den KlientInnen. Die Beziehung der BetreuerIn zur KlientIn beruht auf Empathie, Wertschätzung und Kongruenz. Dazu gehört, dass diese Beziehung für alle Beteiligten durchschaubar ist. „Kongruenz bedeutet unter anderem auch, den beruflichen Rahmen nicht zu verwischen.“ (Pörtner 2014, 112)

Es geht um das Wohl der Klienten. Konkret heißt das jetzt: die Bedürfnisse der Klienten stehen im Vordergrund und ihre Lebensbereiche werden darauf abgestimmt. Für die Betreuenden ist es ihr Arbeitsbereich und ihr privates Leben findet wo anders statt. Dafür herrscht oftmals zu wenig Klarheit. Wenn Betreuende diese Bereiche vermischen, zu persönliche Beziehungen aufbauen oder in der Beziehung zu ihren KlientInnen eigene unerfüllte Bedürfnisse ausleben, dann ist das missbräuchliches Verhalten. Dies führt zum einen dazu, dass Bezugspersonen schnell ausgebrannt sind, und zum anderen dazu, dass die betroffenen Menschen Enttäuschung und ungünstige Beziehungserfahrungen erleben müssen. Für alle Beteiligten muss klar sein, dass es sich um eine berufliche Beziehung handelt. Professionelles Arbeiten bedeutet also, diese dem Rahmen und der Funktion anzumessen, dass die Bedürfnisse der KlientInnen in den Vordergrund und eigene beiseite gestellt werden. Außerdem ist es wichtig, dass es ein konstantes Beziehungsangebot gibt und die Menschen darauf vertrauen können, „daß alle Mitarbeitenden im gleichen Sinn arbeiten“, wodurch ein Wechsel der Betreuungsperson besser verkraftet werden kann. (vgl. Pörtner 2014, 110-113)

Zu den Anforderungen personzentrierten Arbeitens gehört auch das Ermöglichen. „Je entbehrlicher der Betreuer erscheint, desto besser ist seine Arbeit. Nicht das, was er sichtbar tut, ist entscheidend, sondern das, was er den Menschen, die er betreut, ermöglicht.“ (Pörtner 2014, 114)

Der Gewinn der personzentrierten Haltung zeigt sich auf mehreren Ebenen. Die KlientInnen sind zufriedener und kooperativer, wenn sie sich verstanden fühlen. Das wiederum schafft Erleichterung bei den Bezugspersonen. Außerdem ist es wahrscheinlich auch wirtschaftlich sinnvoll. Vermutlich wird im Endeffekt sogar weniger Zeit gebraucht, wenn personzentriert gearbeitet wird. Zumindest kann darauf geachtet werden, wie Zeit sinnvoll investiert werden kann und wo unnötigerweise Ressourcen verschwendet werden. Für die Bezugspersonen ist die nötige Auseinandersetzung mit sich selbst zugleich eine Chance für Persönlichkeitsentwicklung. (vgl. Pörtner 2014, 120-122)

„Die personzentrierte Haltung ist nicht nur gegenüber anderen Menschen wirksam, sondern auch in der Beziehung zu sich selber.“ (Pörtner 2014,  120)

Fazit

„Ernstnehmen Zutauen Verstehen“ ist ein interessantes, aufschlussreiches und empfehlenswertes Buch. Es ist in einfacher Sprache gehalten, bringt alles auf den Punkt und kann ohne spezielle Vorkenntnisse dazugehöriger Fachsprache gelesen werden.

Marlis Pörtner schreibt auf eine, mich sehr ansprechende, Art und Weise. Sie scheint die Gabe zu haben, in vielen einzelnen Sätzen deren Wichtigkeit hervorzuheben, in einer Formulierung, als würde sie es laut erzählen. Dabei ist beim geschriebenen Wort immer klar, wie was gemeint ist. Stellenweise wurde das Werk etwas zäh, da sie sich bei gewissen Teilen ständig wiederholt hat. Beispielsweises die drei Hauptpfeiler, so wichtig wie das Verständnis dafür ist, werden sehr oft beschrieben.

Die einzelnen Abschnitte im Buch sind jeweils mit sehr passenden und hilfreichen Fallbeispielen veranschaulicht. Es befinden sich auch so genannte „Leitfäden“ darin. Ein Leitfaden listet „Handlungsgrundlagen“ auf, ein weiterer „Richtlinien für den Alltag“, einer beschäftigt sich mit „den eigenen Anteil erkennen“ – im beruflichen, sowie im privaten Bereich. Auch ein Fragebogen zur „situationsbezogenen Selbstreflexion“ findet sich in diesen Leitfäden.

Ich empfinde diese Haltung, welche hauptsächlich auf die Lebenswelt behinderter und älterer Menschen bezogen wurde, als Lebensphilosophie, welche im Umgang mit allen Menschen, und allem voraus natürlich im Umgang mit sich selber gelebt werden kann.