Gewaltfreie Kommunikation – Das 13 Wochen Übungsprogramm

Autorin: Lucy Leu

Verfasserin: DI Sangitha Sundaresan

 

Ein Hinweis vorab: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Dieses Buch stellt sowohl Einzel- als auch Gruppenübungen anlehnend an M. Rosenbergs Grundbuch „Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens“ zusammen. Es handelt sich um einen Leitfaden, der beim Lernen und Anwenden der Gewaltfreien Kommunikation über 13 Wochen unterstützt. Ein Kapitel besteht immer aus einer Verständnisüberprüfung, individuellen Übungen bestehend aus Selbstbeobachtungen, praktischen Übungen oder Rollenspielen und Übungen in Gruppen.

Einerseits gefällt mir an diesem Buch gut, dass es sehr klar strukturiert ist und dass das Programm in 13 Wochen „absolviert“ werden kann, wenn man sich regelmäßig damit auseinandersetzt. Dadurch bekommt man mehr Sicherheit und Gelassenheit bei der Anwendung der GFK, sie „automatisiert“ sich sozusagen mehr und mehr.

Andererseits finde ich die Tipps zum Gruppenleiten sowie die Gruppenübungen sehr wertvoll, da ich in Zukunft unter anderem Workshops zur GFK konzipieren und abhalten werde. In der Rezension möchte ich einerseits auf Tipps zum Gruppenleiten und andererseits auf ein paar markante, hilfreiche Übungen eingehen.

Bei den Tipps zum Gruppenleiten habe ich das Szenario einer Übungsgruppe auf eine Workshop-Situation umgemünzt und mir die in diesem Kontext sinnvoll erscheinenden Aspekte heraus genommen.

Einstimmen auf eine Gruppe

In diesem Punkt geht es darum, herauszufinden was sich  Workshop-Anleiterin selbst von einem Workshop erhofft und was sie von sich selbst aus bereit ist, in einem Workshop einzubringen. Auch die Motivation der Teilnehmerinnen herauszufinden ist hierbei wichtig. Bei der Konzeption meines Workshops für die Projektarbeit habe ich gemerkt, wie viel Klarheit es mir verschafft, mit meinen eigenen Bedürfnissen in Verbindung zu kommen, die ich mir mit dem Workshop erfülle.

Rückbesinnung auf die Ziele und Umgang mit Zeit

Am Anfang ist es wichtig, sich daran zu erinnern warum man zusammen gekommen ist. Dazu könnte man zum Beispiel die Zusammenkunft bewusst mit einer Lesung, mit Kerzen, mit Musik, mit einer Geschichte, mit Ruhe oder mit einer Glocke oder ähnliches eröffnen und schließen. Außerdem kann man dafür einen „Mittelpunkt“ kreieren, z.B. mit einem Bild, Blumen, einem Gedicht oder ähnliches als Erinnerungshilfe. Dieser „Mittelpunkt“ soll den Ort unbegrenzten Mitgefühls symbolisieren.

Des Weiteren ist es wichtig, genug Zeit einzuplanen, da die „GFK-Sprache“, besonders wenn ungeübt und unbekannt, mehr Zeit benötigt als unsere „Autopilot-Sprache“. Diese Zeit ist wichtig um auf Fragen wie „Worauf reagiere ich hier eigentlich wirklich?“ oder „Was ist die Absicht, wenn ich jetzt meinen Mund aufmache?“, „Welche Gefühle sind gerade in mir lebendig?“ antworten zu können. Zu einem langsameren Tempo können z.B. Momente der Ruhe, das Weitergeben eines Sprechholzes, Wiederholen, Umschreiben oder in GFK übersetzen von Aussagen oder zum Beispiel zwei Tiefe Atemzüge verhelfen.

 

Anleiten eines Workshops

Die Aufgaben der Workshop-Leiterinnen sind folgende:

  • Sie behalten das Ziel des Workshops im Auge, indem sie ein entsprechendes Umfeld schaffen, daran erinnern das Tempo herabzusetzen und Gelegenheiten eröffnen, um Bedürfnisse wie Anerkennung auszudrücken
  • Sie überblicken die sachlichen und logistischen Bedürfnisse der Gruppe
  • Sie planen die Struktur (Zeitplan der Aktivitäten etc.) und führen die Gruppe durch den Prozess
  • Sie setzen sich selbst besonders gründlich mit dem Inhalt des Workshops auseinander, um sich damit vertraut zu machen

Es werden für unerfahrene Gruppenleiterinnen  Vorschläge und Gliederungsbeispiele zum Anleiten gegeben:

Vor dem Workshop

  • Durchsicht und Festlegung der Inhalte und Materialien für den Workshop
  • Erstellung eines Plans für den Workshop – was soll wann, wo und wie passieren?

Am Tag des Workshops

  • Vorbereitung des Raums: Genug Zeit nehmen um den Raum vorzubereiten – Stühle im Kreis arrangieren, Getränke und Verpflegung aufbauen, Mittelpunkt, Flipchart etc. organisieren, eine gut sichtbare Uhr ist hilfreich
  • Begrüßung: Jede eintreffende Person begrüßen
  • Verbindung der Workshop-Leiterin mit sich selbst: Wenn Workshop-Leiterin eigentlich schon bereit wäre zu beginnen, nochmals 30 Sekunden Zeit nehmen, um innerlich eine Verbindung mit sich selbst aufzunehmen – was fühle ich gerade, was für Bedürfnisse habe ich in diesem Augenblick? Auch nochmals eine Verbindung zur Motivation herstellen, aus der man heraus der Workshop-Gruppe etwas anbietet.
  • Besinnung: Wenn alle Teilnehmerinnen zusammengekommen sind, besinnt sich die Gruppe einen Moment darauf wer da ist und warum man zusammen gekommen ist.
  • Eröffnung des Gruppengesprächs: Die Anwesenden werden dazu eingeladen „einzuchecken“ indem sie mitteilen was in diesem Moment in ihnen lebendig ist. Vorher bekannt geben, wie viel Zeit man für diese Runde eingeplant hat und wie viel Zeit man jeder Person für die Antwort einräumen möchte. Am besten wird beim Wechsel ein Sprechholz weiter gegeben oder ein bestimmtes Wort, Klang, Geste geäußert um den Wechsel zur nächsten Person klar anzuzeigen.
  • Die Teilnehmer daran erinnern, sich während sie sprechen mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen zu verbinden.
  • Zeitplan für den restlichen Workshop geben, Pausen einplanen
  • Durchführung des Workshops
  • Rückmeldungen, Würdigungen und Abschluss (20 bis 30 Minuten dafür einplanen): Einladung zu einem Moment der Ruhe um sich mit allen Gefühlen der Dankbarkeit und Würdigung zu verbinden. Selbst in Kontakt mit seinen Empfindungen der Dankbarkeit kommen. Dann um Rückmeldungen zum Abend bitten. Formaler Abschluss der Runde durch Musik, Worte, Ruhe, Gedichte oder ähnliches.
  • Nach Abschluss des Treffens: Teilnehmerinnen bitten, ein Feedbackformular auszufüllen, aufräumen.
  • Nach dem Treffen: Zeit nehmen um nachzuspüren was beim Leiten Spaß gemacht hat und was nicht, was funktioniert hat und was nicht, was man beim nächsten Mal anders machen würde. Durchlesen der Feedbackbögen. Wenn man Einfühlung und Verständnis benötigt vielleicht an einen Freund wenden Workshops ist, einen Weg suchen um Anerkennung für sein Wachsen und Erfüllt sein zu erhalten – wo kann man das feiern?

Diese wichtigen Tipps zum Gruppenleiten kann ich sehr gut in meine zukünftige Arbeit integrieren. Sie sind für mich eine Art Leitfaden, auf was zu achten ist, wenn man einen Workshop oder eine Gruppe leitet. Besonders das Element der Pausen, Ruhephasen und des sich Zeit lassen sprechen mich an und geben mir ein Gefühl der Sicherheit, dass nicht alle Worte immer gleich parat sein müssen. Auch die Frage der Besinnung auf das, worum es den Teilnehmerinnen und der Workshop-Leiterin geht und was die Bedürfnisse sind, finde ich sehr interessant und wichtig. Dadurch, dass man mit sich selbst gut verbunden ist, kann man dann auch auf die Teilnehmerinnen und deren Bedürfnisse während des Workshops gut eingehen und präsent sein.

Als nächstes möchte ich auf ein paar wertvolle Übungen eingehen, die im Buch beschrieben sind:

Gefühle wahrnehmen

In dieser Übung geht es darum, die momentanen Gefühle wahrzunehmen und zu beobachten, wie sie sich stetig verändern. Die Teilnehmerinnen haben eine Minute Zeit, um in sich hinein zu spüren mir der Frage „was empfinde ich im Moment? Und jetzt? Und jetzt?“ Dann bittet die Workshop-Leiterin alle Personen, ihre Gefühle und auch alle Beobachtungen zu nennen, die sie während der Minute gespürt haben. Dabei ist es hilfreich eine Gefühlsliste zur Hand zu haben. Diese Übung lässt sich für mich in der Beratung sowohl in Gruppen- als auch in Einzelsettings gut anwenden. Sie dient dazu, die Klientinnen mit ihrer inneren Gefühls- und Bedürfnislandschaft in Verbindung zu bringen und damit die Sicht von außen nach innen zu richten.

Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen

Hier geht es darum zu erkennen, dass Botschaften in unterschiedlichen Arten aufgenommen werden können. Diese Übung braucht 5 Personen. Dabei macht eine Person eine Aussage, und die anderen 4 Personen drücken jeweils eine der 4 Möglichkeiten aus, wie die Botschaft gehört werden kann. Ich nenne hier ein konkretes Beispiel aus dem Buch. Eine Person sagt eine schwierig zu hörende Botschaft, wie zum Beispiel: „Die Art, wie du allen anderen deine Sicht der Dinge aufzwingst, ist wirklich übel!“. Möglichkeit 1: Die empfangende Person hört Schuldvorwürfe und beschuldigt sich selbst: „Oh verdammt, ich bin so ein Kontrolleur! Jetzt verhalte ich mich schon wie meine Mutter. Kein Wunder dass ich den Leuten auf die Nerven gehe“. Möglichkeit 2: Die empfangende Person hört Schuldvorwürfe und beschuldigt denjenigen, der die Aussage getätigt hat: „So ein Idiot! Das ist ja der Gipfel! Wenn der mal zuhören würde, würde er merken, dass alle in diesem Raum meiner Meinung sind!“. Möglichkeit 3: Die empfangende Person fokussiert ihre Aufmerksamkeit auf ihre Gefühle und Bedürfnisse: „Ich bin traurig, weil ich mir Verständnis für meine Bemühungen, zu helfen, gewünscht hätte.“ Möglichkeit 4: Die empfangende Person richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Gefühle und Bedürfnisse der Person, welche die Aussage getätigt hat: „Hmm…ich frage mich, ob er irritiert ist, weil er gerne seine und die Ansicht von allen anderen auch hören und gewürdigt sehen möchte?“

Diese Übung eignet sich für ein Workshop-Setting und hilft dabei, zu erkennen, dass es nicht die Aussagen von anderen sind, die bei uns starke Emotionen auslösen, sondern die Art und Weise wie wir diese Aussagen interpretieren. Die Übung gibt die Möglichkeit, inne zu halten und zu spüren, welche Gefühle ausgelöst werden, wenn man eine Situation bewertet, und welche ausgelöst werden, wenn man mit sich und dem Gegenüber in Verbindung bleibt.

Empathisch zuhören

In dieser Übung geht es darum, ein Gespür dafür zu bekommen, wie man eine Aussage aufnehmen und auf diese antworten kann. Man kann mit intellektuellem Verständnis, mit Sympathie, mit einem Rat oder mit echter Einfühlung bzw. Empathie reagieren. Hier ein konkretes Beispiel aus dem Buch. Eine Person erzählt: „Ich konnte gestern bis 3 Uhr kein Auge zu machen weil ich schreckliche Kopfschmerzen hatte. Und heute fühle ich mich gar nicht in der Lage den Vortrag zu halten!“ Die erste Möglichkeit zu antworten ist mit intellektuellem Verständnis: „Es kann sein, dass Sie an Spannungen leiden. Vielleicht ist es auch die Anspannung vor dem heutigen Vortrag, welche die Kopfschmerzen ausgelöst hat“. Die zweite Möglichkeit zu antworten ist mit Sympathie: „Ich kann Ihnen wirklich nachfühlen. Es ist schrecklich Kopfschmerzen zu haben, wenn man kurz vor einer Präsentation steht.“. Die dritte Möglichkeit ist einen Rat zu geben: „Ich würde Ihnen ein Schmerzmittel und eine Packung Eis an den Schläfen empfehlen“. Die vierte Möglichkeit ist empathisch zu hören und zu antworten: „Sind Sie frustriert, weil Sie den Wunsch haben, sich vor diesem Vortrag energiegeladen, gesund und klar denkend zu fühlen?“

Diese Übung lässt sich gut in einem Workshop einbauen. Sie verhilft dazu, sensibler dafür zu werden, wie man in Gesprächen reagiert und wie es sich anfühlt, sich empathisch auszudrücken bzw. auch empathische Reaktionen zu bekommen. Sie sensibilisiert die Anwenderinnen und führt zu einer lebendigen, bereichernden Kommunikation.

Ich kann dieses Buch zum Üben sehr weiterempfehlen, weil es einerseits sehr klare Anleitungen für Einzelübungen und Übungsgruppen und andererseits sehr praktische, einfach anwendbare Übungen bietet. Es beinhaltet die nötige Theorie und ist gleichzeitig sehr praxisnahe. Ich finde auch die individuellen Verständnisübungen sehr wertvoll, weil man überprüfen kann, inwiefern man die Inhalte der GFK nachvollziehen und verstehen kann. Es gibt auch ein Kapitel über die GFK zur Lösung von Konflikten in einer Gruppe, welche für ein Workshop-Setting sehr wertvoll sind. Es ist jedoch notwendig, das Grundbuch über GFK von Marshall Rosenberg bei sich zu haben, weil viele Verweise auf dieses Buch enthalten sind.