Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren

Autorin: Marianne Gäng

Verfasserin der Kurzbeschreibung: Alexandra H.

 

Das Buch „Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren“ gilt laut Rezensionen des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten als das Basiswerk für Interessierte, da es einen guten Überblick über Entstehung, Praktiken und Wirkung vermittelt. Es ist sehr praxisnah aufgebaut, bietet viele Zusatzinformationen bezüglich der Arbeitsweisen eines Reittherapeuten sowie den richtigen Umgang und die Pflege des Reittieres.

Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Einsatz der Therapie bei Kindern und Jugendlichen und basiert auf den Erfahrungen und Erkenntnissen von Marianne Gäng, die seit über 30 Jahren Reitpädagoglnnen und -Therapeutlnnen ausbildet und 1983 das erste Buch „Heilpädagogisches Reiten“ veröffentlichte, das bei vielen namhaften Pionieren dieser Berufssparte große Anerkennung erhielt.

In der Einfiihrung geht die Autorin auf die Entwicklungsgeschichte dieser Therapieform ein, die in den 60er Jahren von Schweizer Psychologlnnen und Pädagolnnen erstmals bei der Behandlung mit Kindern mit verschiedenen Problemverhalten eingesetzt wurde. 1977 wurde bei einem Symposium in Wettringen von Wissenschaftlern aus den Bereichen Medizin, Pädagogik, Psychiatrie, Sport, Pferdefachleute sowie Heimerzieherlnnen und Sonderschullehrerlnnen der Begriff „Therapeutisches Reiten“ systematisiert und koordiniert.

Mittlerweile gibt es in Österreich, Deutschland und der Schweiz 5 Verbände (FATP Forum der Ausbildungsträger einer Therapie mit dem Pferd), die sich mit den Ausbildungsrichtlinien, möglichen Zusatzqualifikationen etc. in dieser Berufssparte beschäftigen.

Eine erste übersichtliche Tabelle zeigt anschaulich die unterschiedlichen Arten des „Therapeutischen Reitens“ (Hippotherapie, Heilpädagogisches Reiten/Voltigieren, Reittherapie und Behindertenreiten), die Berufsgruppen sowie Ausbildungsangebote.

In der nachfolgenden Aufstellung wird ausführlich auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Reittherapie und heilpädagogischer Förderung mit dem Pferd eingegangen.

Marianne Gäng beschreibt auf den folgenden Seiten die positive Wirkung der Mensch — Tier — Beziehung, sowie Sinn, Zweck und Ziel des Einsatzes von Pferden in Sozialisierungsprozessen.

Das Buch beschäftigt sich vor Allem mit dem positiven Effekt bei Kindern, die durch den Umgang mit dem Pferd den Wunsch nach positiver Zuwendung erfiillt bekommen, sowie soziale Fähigkeiten trainieren können.

Wichtig ist die Auswahl des geeigneten Reittieres (Pferd, Pony, Esel) und die diesbezügliche Abstimmung auf die Einschränkungen des Kindes.

Das Buch gibt einen guten Überblick über die Pferdepflege, -haltung sowie geeignete Trainingsplätze und verweist auch eindringlich auf eine Dokumentation der Vorgeschichte des Kindes wie auch des Pferdes, die Zielsetzung bei der Therapie, Zeitpläne, und Beobachtungen während der Einheiten. Die Präparationsblätter, mit denen bei der Ausbildung zum Reittherapeuten gearbeitet werden, sind enthalten.

Wie diffizil und spannend die Arbeit mit Kind und Pferd ist, zeigt das nächste Kapitel, wo auf die einzelnen Vorgehensschritte bei der ersten Kontaktaufnahme zum Pferd und die 5 Phasen der emotionalen Kontaktaufnahme (vom Boden aus bis hin zu auf dem Pferd im Schritt) eingegangen wird.

Eine Unterrichtslektion läuft nach folgenden Punkten ab:

1.      Emotionale Kontaktaufnahme zwischen Kind und Pferdefachleute

2.      Hauptteil, die Beschäftigung mit dem Pferd vom Boden aus, das Reiten

3.      das Verabschieden und Versorgen des Pferdes

4.      kurze schriftliche Stellungnahme zum Lektionsverlauf

Die beschriebenen allgemeinen Übungen sind sowohl ftir die Arbeit mit normalbegabten, also auch mit verhaltensauffälligen und geistig behinderten Kindern und Jugendlichen geeignet und sollten, abgesehen von den ersten ein bis drei Stunden, nicht isoliert, sondern in Zweier- oder Dreiergruppen abgehalten werden.

Jedes Kind muss die vier allgemeinen Übungsblöcke durchlaufen, da die folgenden „späteren Übungen“ darauf aufbauen.

Der erste Übungsblock ist die Angewöhnungsphase, erste Körperkontakte zwischen Kind und Reittier finden statt.

Im zweiten Block wird die Grobmotorik und die Geschicklichkeit getestet, der Dritte schult das Gleichgewicht und fordert zu ersten „Mutübungen“ heraus.

Im vierten Block werden alle Übungen wiederholt und so das Vertrauen und das Wohlbefinden des Kindes gesteigert, die Neugierde auf die folgenden Einheiten erwacht.

Nach dem Absolvieren der allgemeinen Übungsblöcke folgen die speziellen Übungen, je nach Bedürfnis der Behandlung.

Man unterscheidet zwischen Übungen die den Gefühlsbereich ansprechen zur Schulung der Wahrnehmung im auditiven/visuellen]faktilen Bereich zur Schulung der Motorik im sozial-integrativen Bereich im Kommunikationsbereich.

Im Gefühlsbereich soll ein harmonischer Einklang zwischen Körper und Seele geschaffen werden, woraus sich ein zufriedenes Ich entwickelt, das die Voraussetzung für eine weitere Behandlung bei Behinderungen in anderen Bereichen darstellt.

Die weiteren praxisnahen Beschreibungen der Übungen in den diversen Bereichen vermitteln, wie wichtig eine perfekte Schulung von Pferd als auch Reittherapeutln ist, da schon der kleinste „Fehler“ einen großen Rückschritt in der Behandlung bedeuten kann.

Heilpädagogisches Reiten kann auch für Erwachsene und ältere Menschen eine große Hilfe sein, es verbessert das psychische und physische Befinden und stärkt das Selbstbewusstsein.

Wichtig für den Reitpädagoglnnen ist, in freundschaftlicher Form den Kontakt zwischen Pferd und älterem Reiter herzustellen. Es erfordert ein großes Maß an Empathie.

Die größte Zielgruppe für das „heilpädagogische Voltigieren“ bilden lernbehinderte Kinder, wobei es auch bei geistig behinderten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sowie primär verhaltensauffällige, aber durchschnittlich begabten Kindern gute Erfolge erzielt.

Der Autor dieses Abschnittes, Antonius Kröger, geht zuerst auf die Bedingungen fiir Heilpädagogisches Voltigieren/Reiten ein, wobei besonders auf die Gutmütigkeit des Pferdes Augenmerk gelegt werden muss.

Antonius Kröger zeigt auf, dass der Erzieher die Möglichkeit hat, die Art von Partnerschaft zu realisieren, die von C.R. Rogers immer wieder behandelt wird. Der Außenstehende kann kein Kind ändern, jedoch bei der Verhaltensänderung behilflich sein. Grundprinzip ist laut Rogers, die eigene notwendige Einsicht, nicht die vorübergehende Anpassung.

Die unmittelbare Selbsterfahrung des Kindes ist von zentraler Bedeutung.

Die Erfahrung, dass jede Verhaltensäußerung Konsequenzen nach sich zieht, die das Pferd widerspiegelt stellt einen wichtigen Lernprozess dar.

Der Autor geht auf den folgenden Seiten auf die ideale Größe der Voltigiergruppe sowie der Voltigierhalle ein.

Die Zielsetzung bei dieser Therapieart ist die Erhaltung und der Ausbau der Motivation beim Kind. Sie fordert zur Selbstüberwindung auf, die große Anerkennung verdient. Wichtig ist, dass die objektive Leistung völlig unbedeutend ist und positive Verstärkung in kurzen, aber eindringlichen Worten und einem Glückwunsch nach dem Abstieg vom Pferd gravierende Faktoren sind.

Der Aufbau von Vertrauen mllt dissozialen Menschen durch häufige fehlende Akzeptanz äußerst schwer. Im Pferd finden sie jemanden, dem sie vertrauen, erhalten eine unmittelbare positive Rückmeldung und jemanden, der sie so akzeptiert, wie sie sind.

Das Befolgen der Hilfestellung des Erwachsenen erlebt das Kind sofort als positiv, sobald das eigenwillige Durchsetzen-Wollen zum Beispiel zu einer Landung im Sand Rihrt. Somit wird das Pferd ein Zwischenträger zum vertrauensvollen Zugang zu Erwachsenen, womr natürlich eine partnerschaftliche Haltung des Pädagogen von Nöten ist.

Weitere positive Effekte sind das Erlernen der richtigen Selbsteinschätzung, der Aufbau von Selbstwertgefühl, das Erhöhen der Konzentrationsdauer und Intensität sowie das Training der Sensomotorik und die sensorische Integration.

Die Zielsetzung im sozialen Bereich ist das Erlernen, sich auf den anderen einzustellen, die Erfahrung, sich dem Bewegungsrhythmus des Pferdes anzupassen und nur so, Harmonie zu erreichen, sowie ein richtiger Umgang mit Aggressionen.

In den folgenden Kapiteln wird von Rita Hölscher-Regener auf die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd näher eingegangen und an Hand eines Projektbeispieles in Kooperation mit der Universität Dortmund e.V., bei der eine körper- und bewegungsorientierte Maßnahme Rir Jungen, die Opfer seelischer und körperlicher Gewalt wurden, durchgeführt wurde.

Ziel war der Umgang mit und der Ausdruck von eigenen Gefühlen und das Finden der eigenen männlichen Rollenidentität, um die Traumata in Folge bearbeiten zu können.

In diesem Projekt, das phasenweise durchgeführt wurde, war auch wieder das wichtige Prinzip der heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd, das Mitwirkungsrecht an der Gestaltung der Stunden, ein wichtiger Aspekt. So konnte auf die Bedürfrisse der Teilnehmerlnnen eingegangen und eigene Themen der Kinder aufgegriffen werden.

Das Miteinander in der Gruppe und ressourcenorientiertes Arbeiten führten bei den Kindern zur Freude an der Bewegung und dem Kontakt zu anderen Lebenwesen.

Bernhard Ringbeck zeigt die positive Wirkung bei der psychomotorischen Förderung bewegungsauffÄlliger Kinder durch heilpädagogisches Voltigieren auf.

Neben den bereits erwähnten positiven Effekten, die der Umgang mit Tieren auf Kinder hat, weist Berndhard Ringbeck auf ein Werk von Kiphard aus 1977 hin, wonach sich Koordinationsschwächen in vier Bereiche gliedern lassen: stützmotorische Koordinationsschwäche handlungsmotorische Koordinationsschwäche grobmotorische Koordinationsschwäche feinmotoHsche Koordinationsschwäche

Jede dieser Koordinationsschwächen kann durch heilpädagogisches Voltigieren verbessert und sensibilisiert werden und der Autor gibt einen guten Überblick über die gängigsten Übungsmethoden.

Johannes Voßberg schildert das Projekt „Ponyhof‘ als Erlebnisraum, der der Anbahnung und Gestaltung positiver Beziehungen mit Hilfe von Kleinpferden dient.

Auch er geht auf die Wichtigkeit der Beziehungsmhigkeit der Kinder und Jugendlichen ein und beschreibt das Beziehungsdreieck Kind-Pferd-Pädagoge. In Anspruch genommen wird dieses Angebot vor allem von Gruppen aus größeren Städten mit zehn bis fünfundzwanzig Teilnehmerlnnen (Familiengruppen, Kindergärten, Klassen aller Schulen, Wohngruppen, etc.). Die Aufenthaltsdauer scheint variabel zu sein, da auf diese nicht genauer eingegangen wird.

Wie auch die vorangegangenen Autoren weist er auf die Wichtigkeit des passenden Umfeldes, die Qualifikationen von Pferd und Betreuern hin. Auf dem Ponyhof ist auch Ordnung ein wichtiger Punkt, sowohl Raum, Zeit und Rahmenbedingungen sind konkret geplant, Begrüßungs- und Abschiedsritual sind Fixpunkte des Aufenthalts.

Den letzten großen Abschnitts des Buches verfasste Dirk Baum, der sich mit psychisch kranken Menschen auf dem Pferd befasst.

Seine Einleitung bildet seine eigene Sicht und Grundhaltung zu psychischen Erkrankungen und der Frage „Wer ist hier eigentlich „verrückt“ und wirft philosophische Fragen auf, die sich auf Normen und Gesellschaft beziehen.

Dirk Baum sieht in jedem Klienten besondere Fähigkeiten, die man seiner Meinung nach herausfinden und fördern sollte. Er betrachtet seine Klienten als Schüler mit Rechten und Bedürfnissen.

Ein Ziel zu haben ist ein wichtiger Punkt bei der Arbeit mit psychisch kranken Menschen, jedoch ist dieses Bild-Ideal vom Klienten oft nicht zu erreichen und wichtiger bei den Übungen ist das Erleben des Schülers, nicht das, was sich der Pädagoge als Ziel gesetzt hat.

Jeder, der sich mit dem Gedanken an eine dementsprechende Ausbildung bzw. Spezialisierung trägt, wird in diesem Vorhaben durch dieses Buch bestärkt und es vermittelt die Freude daran, sowohl die Liebe zum Menschen als auch zum Tier in die berufliche Tätigkeit einbringen zu können.