Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation

Autor: Marshall B. Rosenberg

Verfasserin: Claudia Contu

 

Marshall B. Rosenberg war ein amerikanischer Psychologe, 1934 geboren und 2015 gestorben. Er ist der Gründer der „Nonviolent Communication“.

Im oben genannten Werk führt Rosenberg ein Interview mit der freien Journalistin Gabriele Seils, die ebenso als Mediatorin und Trainerin der Gewaltfreien Kommunikation tätig ist.

Laut Rosenberg selbst, finden Menschen die Gewaltfreie Kommunikation zunächst immer einfach, in der Umsetzung allerdings ändern die meisten ihre Meinung. Im Prinzip gehe es nur um zwei Schritte. Zunächst müsse man sich selbst die Frage stellen: „Was ist lebendig in mir?“. Dies soll für die Emotionen stehen, die in einem stecken und in einer bestimmten Situation aufkommen. Ist ein Bedürfnis gestillt, erlebt man angenehme Gefühle, ist es hingegen unerfüllt, erlebt man schmerzhafte Gefühle. Dann die Frage: „Was bräuchte ich damit es mir besser geht?“ Dies soll nun dem jeweiligen Gegenüber klar und mit so wenig Bewertung wie nur möglich kommuniziert werden, „ehrlich, ohne jede Kritik“. Die darauffolgenden Informationen des Gesprächspartners sollten im Anschluss empathisch aufgenommen werden.

Zentral zeigt sich bei Rosenberg die Frage nach dem eigenen Bedürfnis. Er meint, dass wir oft über unsere Gefühle reden, obwohl diese nur ein Ergebnis aus unseren Bedürfnissen sind und wir somit nur an der Oberfläche kratzen.

Von Geburt an gibt es Bedürfnisse (Rosenberg erklärt, dass ihm bewusst ist, dass dieser Begriff sehr negativ belastet ist, er diesen Begriff selbst nicht mag, aber kein besseres Wort zur Erklärung finden konnte) in uns, die gestillt werden wollen und uns darum zu Gefühlen und Handlungen führen. Seien es zunächst die Grundbedürfnisse Hunger, Durst, Pflege, Nähe, sozialer Kontakt und Ruhe. Unsere einzige Möglichkeit auszudrücken, dass diese Bedürfnisse nicht erfüllt sind liegt von Beginn an im Weinen und Schreien. Auch im späteren Alter lässt sich die Nichterfüllung solcher Bedürfnisse kaum anders mit Gefühlen ausdrücken.

Aus dem Interview kristallisieren sich vier Schritte heraus, die Rosenberg benennt. In einem ersten Schritt soll der Konflikt beobachtet werden. Wir sollen uns aber auf die reine Beobachtung beschränken. Man soll ruhig bleiben, was natürlich sehr schwer ist, wenn man eigentlich gerade in Rage ist. Aber die erste Aufgabe sei, sich selbst, den anderen und den Konflikt wahrzunehmen. Was kann gesehen, gehört werden, was und wie kommt es beim Menschen an. Es sollte nicht abgewertet, verurteilt oder gar beschimpft werden, reine Beobachtung soll stattfinden. Bewertungen per se kann es auch nach Rosenberg geben, aber man soll sich nicht durch die Bewertung über sein Gegenüber stellen. Man soll nicht andere für die eigenen Gefühle verantwortlich machen.

Der zweite Schritt besteht darin die eigenen Gefühle wahrzunehmen, in sich hinein zu hören, sich zu fragen, welche Gefühle gerade in einem hochkommen. Hat man vielleicht Angst? Ist man eher wütend? Frustriert? Oder hat man sich Sorgen gemacht? Statt zu sagen, dass man sich Sorgen gemacht hat, startet man vielleicht einen Streit?

Rosenberg unterscheidet sogenannte Primärgefühle (unsere „wahren Gefühle“, das, was der Bauch meldet) und sekundäre oder Pseudo-Gefühle (in denen Urteile über uns oder den anderen stecken).

Im dritten Schritt sollen die Bedürfnisse erkannt werden. Warum beispielsweise hat man den Partner angeschrien, als er zu spät nachhause kam. Man hat sich Sorgen gemacht, dies waren die Gefühle. Aber welche Bedürfnisse stecken dahinter? Es könnte sein, dass man angerufen werden wollte (Sicherheitsbedürfnis) oder man war  frustriert (Gefühl), weil man allein zu Abend essen musste, man sich aber auf ein gemeinsames Essen gefreut (Bedürfnis) hatte oder man war in einem inneren Konflikt, weil man hin- und hergerissen war (Gefühl), weil man einerseits essen wollte (um den Hunger zu befriedigen) oder noch mit dem Essen warten (um in Gesellschaft zu essen). Welche Bedürfnisse hat der Partner letztlich nicht erfüllt?

Nun würde es zum vierten Schritt (die Bitte) kommen, der darin besteht, diese eigenen Bedürfnisse in einer „positiven Handlungssprache“ zu übermitteln und das Gegenüber zu bitten, diese zu erfüllen. Sollte der Partner dies nicht wollen oder können, soll man sich in ihn hineinversetzen um zu verstehen, warum er dies nicht kann oder möchte. Des Weiteren soll man nun gemeinsam mit dem Partner nach einer Lösung suchen.

Meist liegt genau in diesem vierten und letzten Schritt die große Schwierigkeit. Sich in andere hineinzuversetzen, also Empathie zu fühlen, ist eine große Herausforderung für viele Menschen.

Zudem wird nicht immer jeder Mensch die Bedürfnisse erfüllen können, selbst wenn noch so kritiklos darüber gesprochen werden kann.

Von Schülern nach seinem Beruf gefragt, antwortet Rosenberg laut seinem Interview „Ich zähme Wölfe“. Er erklärt weiterhin: „Ich meine keine richtigen Wölfe, ich meine Leute, die Kommunikationsprobleme haben. Ich nenne solche Leute `Wölfe`, und ich zeige ihnen, wie man besser miteinander reden kann.“ Ebenso spricht Frau Seils die sogenannte „Giraffensprache“ an. Es wird erklärt, dass Giraffen als Symbol für eine Sprache des Herzens stehen, weil sie um ihre langen Hälse mit Blut zu versorgen ein sehr großes Herz haben müssen. Giraffen haben keine natürlichen Feinde und werden mit sehr vielen positiven Eigenschaften verbunden.

Ein unglaublich aussagekräftiger Satz in diesem Buch findet sich bereits zu Beginn des ersten Kapitels. „Willst du lieber Recht haben oder glücklich sein? Beides zusammen geht nicht.“ Dieser Satz hat mir unheimlich imponiert, da es tatsächlich oftmals im Laufe eines Konfliktes mit der Zeit nicht mehr um die Bedürfnisse der jeweiligen Parteien geht sondern mehr und mehr um das Recht, das wiederum beide Parteien behalten möchten. Somit muss man entweder auch mal das Recht abgeben um sich an die eigentlichen Bedürfnisse zu erinnern und glücklich werden zu können oder aber man beharrt auf das eigene Recht und riskiert im ewigen Konflikt zu bleiben und das Glück aufgeben zu müssen.

Rosenberg meint in diesem Interview, dass er seit zehn Jahren kaum noch wütend wird, früher hingegen ein „gewalttätiger“ Mensch war, der sich fast täglich über etwas ärgern musste. Nun ist er immer schneller mit seinen Bedürfnissen verbunden, sodass die daraus folgenden Gefühle immer seltener Wut und Ärger werden.

Dies sollte aus meiner Sicht wohl ein Ziel für jeden von uns werden und wird absolut zumindest eines meiner Ziele werden.