Psychosynthese – Werde was du bist

Autor: Piero Ferrucci

Verfasserin der Kurzbeschreibung: Sangitha Sundaresan

 

Ein Hinweis vorab: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Die Psychosynthese ist eine vom italienischen Psychiater Roberto Assagioli entwickelte psychologische Methode. Das Ziel der Psychosynthese ist es die Ganzheit des menschlichen Wesens zu wecken und dadurch Kräfte zu entfachen, die bereits in uns vorhanden sind. Es handelt sich um Techniken, die es erlauben, ein besseres Verständnis über sich selbst, einen neuen Zugang zur eigenen Intuition zu bekommen und die Vorstellungskraft vitaler und reicher werden zu lassen. Es geht darum, all unsere unterschiedlichen Ebenen durch diese Übungen mit einzubeziehen. Nachstehend möchte ich auf einige Übungen eingehen und beschreiben, wie diese in meinen Beratungen einsetzbar sind.

Fokus

Beim Fokus handelt es sich um unterschiedliche Übungen zur Sinneswahrnehmung (Visualisierung, Tastsinn, Geruchssinn, kinestetische Wahrnehmung, Geschmackssinn). Dazu zählt zum Beispiel die Visualisierung von Zahlen und Formen, die Vorstellung  einer Berührung, an einer Blume zu riechen, an einem Strand entlang zu spazieren, des Geschmacks einer Banane oder des Lauschens an einer Stimme. Diese Übungen dienen als Einstieg für die nachfolgenden Übungen. Sie stärken die Vorstellungskraft und die Konzentrationsfähigkeit. Man lernt sich auf die eigenen Wahrnehmungen zu fokussieren.

Ich kann mir vorstellen, diese Übung anzuwenden, wenn Menschen stark von ihren eigenen Gefühlen und Wahrnehmungen abgeschnitten sind und ihre Aufmerksamkeit stark nach außen gerichtet haben. Diese Methode hilft dann dabei, sie mit ihrer inneren Wahrnehmung in Kontakt zu bringen und zur Entdeckung ihrer eigenen Sinne zu lenken. Die Übung lässt sich auch gut bei Menschen mit Konzentrationsschwächen anwenden.

Freies Malen

Diese Übung dient dazu, Kontakt mit dem Unterbewusstsein aufzunehmen. Das freie Malen dient zur Reinigung bzw. zur psychischen Hygiene und andererseits zum Verständnis der inneren Welt. Bei der Betrachtung des Gemalten kann man wie ein Detektiv herausfinden, was alles in dem Bild steckt. Wie ist der Stil? Wie wurden die Farben gewählt? Wir wurde der Raum eingeteilt? Ist die Zeichnung statisch oder dynamisch? Wie ist die allgemeine Stimmung? Dabei entstehende Gefühle können zum Bild dazu notiert werden. Die Interpretation des Bildes ist mehr als ein intellektueller Vorgang. Es geht darum das Bild zu verstehen und nicht darum, Erklärungen abzugeben. Es geht dabei darum, der Intuition zu folgen. Mit dem Malen wird man sich der enormen Vielfalt seiner verschiedenen Energien bewusst und beginnt seine Ganzheit wahrzunehmen.

Das freie Malen kann ich auf jeden Fall in der Beratung einsetzen. Besonders gut finde ich diese Übung zum Visualisieren innerer Vorgänge und Botschaften. Sie eignet sich gut, um Menschen mit ihren inneren Bildern in Verbindung zu bringen und Klarheit zu schaffen.

Erkennen von Teilpersönlichkeiten

Bei dieser Übung geht es darum, Kontakt mit inneren Stimmungen aufzunehmen. Dafür schließt man die Augen und stellt sich einen inneren Anteil vor. Dann lässt man die Gestalt sprechen und sich selbst ausdrücken. Sie bekommt genug Raum um über ihre Gewohnheiten und Bedürfnisse zu sprechen. Die Teilpersönlichkeit hat dabei ihr eigenes Leben und eine eigene Intelligenz. Im nächsten Schritt gibt man der Teilpersönlichkeit einen passenden Namen wie zum  Beispiel der Nörgler, die Künstlerin, der Skeptiker usw. Dann schreibt man alles auf, was einem im Zusammenhang mit der Teilpersönlichkeit in den Sinn kommt, ihre Eigenschaften, Gewohnheiten und Besonderheiten. Der gleiche Vorgang kann mit unterschiedlichen Teilpersönlichkeiten wiederholt werden. Die Entdeckung der Teilpersönlichkeiten verschafft ein klareres Bild des Innenlebens. Sobald man eine Teilpersönlichkeit erkannt hat ist es möglich, aus ihr herauszutreten und sie zu betrachten. Es gelingt dadurch, dass man ihr Raum gibt und durch die eigenständige Persönlichkeit eine gewisse Distanz zu ihr gewinnt. Dieser Vorgang wird in der Psychsosynthese als Disidentifikation bezeichnet. Dadurch, dass man sich voll und ganz mit einer Teilpersönlichkeit identifiziert, glaubt man mit der Zeit daran, diese Teilpersönlichkeit zu sein. Durch die Disidentifikation gelingt es von diesem Trugschluss loszukommen und zum wahren Selbst, das viel größer ist, zurückzufinden. Die Disidentifikation ist häufig von Gefühlen der Einsicht und Befreiung begleitet. Man erkennt, dass es keine positiven und negativen Teilpersönlichkeiten gibt, sondern dass sie alle für uns lebenswichtig sind. Teilpersönlichkeiten können einem nur schaden, wenn sie einen beherrschen. Es geht darum, ihre Kontrolle über einen abzubauen. Solange man eine Teilpersönlichkeit negativ beurteilt oder sie ablehnt, hindert man sie an ihrer Entwicklung.

Ich kann das Modell der Teilpersönlichkeiten sehr gut in die Beratung integrieren. Es ist mir sogar ein Hauptaugenmerk, Klientinnen mit ihren abgeschnittenen Anteilen in Verbindung zu bringen. Ich habe selbst erlebt, wie kraftvoll diese Art von „Aufstellung“ ist, in der besonders die unterdrückte Stimme Raum bekommt und sich ausdrücken darf, und wie befreiend und schön es ist, den Wert dieses inneren Anteils zu erkennen und ihn zu integrieren.

Das Selbst

Laut Autor ist das Selbst das, was einen von allen anderen Wesen unterscheidet, also die Identität und Individualität. Das Selbst wird als Essenz beschrieben, und die Essenz unterscheidet sich von allen anderen Teilen der Psyche (Körpergefühle, Gedanken, Gemütszustände). Es dient als vereinigendes Zentrum, das alle übrigen Teile führt, reguliert und koordiniert. Das Selbst ist daher laut Autor nicht nur die Unterscheidung von anderen, sondern auch die Unterscheidung von den eigenen, sich ständig ändernden Bewusstseins-Inhalten. Das Selbst wird des Weiteren als einziger Teil in uns beschrieben, der sich nicht verändert. Es ist wie ein Anker unserer Persönlichkeit, ein konstanter Teil in uns, der uns hilft, immer wieder zu unserer Festigkeit und Ausgeglichenheit zurückzukehren. Das Selbst kann als Beobachter der stätigen Veränderungen von Gefühlen, Körperwahrnehmungen und Gedanken gesehen werden. Der Autor beschreibt das Selbst bzw. die Essenz als „Bewusstsein in seiner reinsten Form, unverdünnt und essentiell“. Es ist der Zustand der bleibt, wenn wir uns von allen Gedanken, Gefühlen, Vorstellungen und Empfindungen frei machen, es ist das reine Sein. Dieses reine Bewusstsein verschmilzt schnell mit unseren Empfindungen. Wenn wir fröhlich sind nimmt unser Bewusstsein Freude wahr, wenn wir Zahnschmerzen haben ist unser Bewusstsein Schmerz und so weiter. Man nennt diesen Vorgang die Identifikation. Mit Übung gelingt es jedoch, das reine Bewusstsein von den Inhalten, die es formen, zu lösen. Dieser Prozess heißt wie schon in der letzten Methode beschrieben Desidentifikation. Das Selbst völlig frei von jeglichen Zuständen zu erfahren wird als Selbst-Identifikation bezeichnet. Der Autor schildert das Problem der Identifikation anhand von Beispielen. Wenn man zum Beispiel eine Idee hat und dann darauf kommt, dass diese Idee nicht funktioniert, dann folgert man, dass mit einem selbst etwas nicht stimmt. Wenn man sich mit seinem Körper identifiziert und dieser krank wird, meint man, dass man selbst krank ist. Wenn man sich mit einer Rolle (z.B. dem Beruf) identifiziert, dieser dann weg fällt, glaubt man, dass der gesamte Sinn des Lebens damit entfällt. Der Autor ergänzt, dass die zeitweilige Identifikation, zum Beispiel mit einer befriedigenden Arbeit, finanziellem Erfolg oder einer kreativen Veränderung, uns stimulieren und uns das Gefühl geben kann wertvoll zu sein und dass dies in gewissen Phasen wichtig ist. Da aber so gut wie alle äußeren Umstände des Lebens ständigen Veränderungen unterworfen sind und früher oder später aufhören und damit zu einer Art Tod führt, ist es unabdingbar, zu einer stabileren Identifikation, nämlich zur Identifikation mit dem Selbst kommt. Es ist unser innerer Kern, der unabhängig von allen äußeren Veränderungen gleich bleibt. Wenn man mit dem Selbst verbunden ist, wird man nicht mehr von äußeren Umständen kontrolliert. Man ist einfach, bevor man fühlt, denkt und handelt. Es ist die Fähigkeit des „Allen Möglichkeiten gegenüber Offen seins“, unbelastet durch Erfahrungen aus der Vergangenheit. Wenn wir mit unserem Selbst verbunden sind, ist es ist uns möglich, zu beobachten, regulieren, koordinieren und dirigieren, frei von unseren Bewusstseins-Inhalten. Der Autor erklärt, dass durch die Identifikation mit dem Selbst, es erst richtig möglich wird, sich mit allen inneren Anteilen auch wieder zu identifizieren. Die Disidentifikation hindert uns also nicht daran, uns immer wieder aufs Neue mit unseren inneren Anteilen zu verbinden, sie ermöglicht sogar eine stärkere Verbindung, weil man sich dann bewusst darauf einlassen kann. Was man zu verhindern versucht ist jedoch die unbewusste Identifikation mit irgendeinem zufälligen Prozess unserer Persönlichkeit. Der Autor erklärt, dass wir uns desidentifizieren, indem wir schlicht und einfach beobachten was in uns vorgeht. Wir beobachten mit einer gewissen Distanz, als ob wir eine äußere Landschaft betrachten würden. Anstatt sich von Empfindungen absorbieren zu lassen, beobachten wir unsere Gefühle, Gedanken und Wünsche, ohne sie verändern oder bewerten zu wollen, ohne auf irgendeine Art einzugreifen. Die erste Wirkung dieser Selbst-Identifikation ist laut Autor eine Befreiung. Als Beispiel: Ich habe Angst; ich beobachte meine Angst; ich erkenne sie ganz klar; ich verstehe, dass nicht ich die Angst bin, und ich fühle mich von ihr befreit.

Die Übung zur Selbst-Identifikation geht folgendermaßen: Man nimmt zuerst den Körper und alle physischen Empfindungen wahr. Dabei versucht man, diese Empfindungen einfach wahrzunehmen ohne sie zu verändern. Man lässt sie einfach zu und wird sich ihrer bewusst. Als nächstes nimmt man seine Gefühle wahr. Welche sind jetzt vorhanden? Welche tauchen immer wieder auf? Man betrachtet sowohl die positiven als auch die negativ erscheinenden Gefühle. Es geht darum die Gefühle ebenfalls mit der Haltung eines Wissenschaftlers als natürlichen Vorgang zu betrachten und zu beobachten. Anschließend richtet man die Aufmerksamkeit auf seine Wünsche. Man nimmt jene, mit denen man sich stark identifiziert und die motivierend sind einfach mit einem unbeteiligten Verhalten wahr. Als nächstes beobachtet man die Welt der Gedanken. Man betrachtet Gedanken, Erinnerungen und Meinungen, bis die nächsten kommen, und so weiter. Als letzten Schritt geht es darum, sich mit diesem Anteil, der eine reine Beobachtung angestellt hat zu identifizieren. Das ist das Selbst, die Essenz, die alle Ebenen zwar beobachtet, sich aber deutlich von ihnen unterscheidet, es ist das Zentrum reinen Bewusstseins.

Ich finde die Arbeit mit dem Selbst sehr wertvoll. Es hilft den KlientInnen dabei, sich bewusst zu werden, dass alle inneren Anteile, Stimmen, Wünsche und Gedanken nur Teile von ihnen sind, und dass es einen Anteil gibt, das Selbst, das als Konstante unabhängig von allen Faktoren unverändert und stabil bleibt, und dass von diesem beobachtenden Kern aus neue Perspektiven und Anteile entdeckt und integriert werden können. Diese Übung nimmt sehr viel Druck weg. Man ist, unabhängig von allen Wünschen, Plänen, Erfolgen oder Misserfolgen. Man nimmt wahr ohne zu bewerten.

Das Idealmodell

In dieser Methode wählt man eine Qualität oder Eigenschaft aus, von der man annimmt, dass sie zum jetzigen Zeitpunkt behilflich sein kann, ein Ziel zu erreichen. Beispiele dafür sind Liebe, Kraft, Verständnis, Freude oder ähnliches. Dann stellt man sich vor, dass man diese Qualität bereits im größtmöglichen Maß besitzt. In der Vorstellung nimmt die gewählte Qualität Gestalt und Form an. Man stellt sich das Bild in allen Einzelheiten vor. Man hält das Bild einige Augenblicke vor dem inneren Auge fest. Dann stellt man sich vor, dass man quasi in das Bild hinein schlüpft, als würde man neue Kleider anlegen. Man versucht die Qualität des Bildes zu spüren und man stellt sich vor wie es ist, diese Qualität schon zu besitzen. Am Ende stellt man sich vor, wie man in Situationen des Lebens diese Qualität mehr zum Ausdruck bringen kann. Der Autor warnt davor, diese Übung zu früh anzuwenden, wenn Gefühle wie Groll und Ärger noch stark vorhanden sind. Es ist wichtig diese Gefühle zuerst auszudrücken und ihnen genügend Raum zu geben, sich also zuerst von ihnen zu disidentifizieren. Ansonsten kann diese Übung zerstörerisch nach innen und außen wirken (z.B. wenn man sich vorstellt, dass man in den Groll hineinschlüpft und in dieser Qualität bleibt). Gleichzeitig geht es auch nicht darum, sich in Tagträume hineinzusteigern und sich so in einer unwirklichen Welt zurückzuziehen. Während Tagträume völlig unrealistisch bleiben, benützt das Idealmodell Vorstellungen von Zielen, die in vernünftiger Reichweite liegen; Während Tagträume die Frustrationen eines Menschen wiederspiegeln, ist das Idealmodell der Ausdruck des wahren Selbst; Während Tagträumen auf Wunschdenken beruht, hat das Idealmodell einen absichtsvollen Inhalt – wie er in jedem sorgfältig abgestimmten Vorhaben enthalten ist.

Ich kann das Idealmodell ebenfalls gut in die Beratung integrieren. Diese Übung ist zum Beispiel auch in Kombination mit einer Übung aus der Gewaltfreien Kommunikation kombinierbar. Wenn die Klientin gespürt hat, welches Bedürfnis in einer Situation nicht erfüllt war, kann sie genau mit diesem Bedürfnis die Übung machen. (Beispiel: Das Bedürfnis ist die Verbindung; Die Person stellt sich die Verbindung vor, wie sie aussieht und sich anfühlt und schlüpft hinein, sodass sie die Verbindung schon im größten Maße besitzt).

Abschließend ist zu sagen, dass das Buch „Werde was du bist“ sehr viele praktische Übungen beinhaltet, die bei der Arbeit mit Klientinnen sehr gut eingesetzt werden können. Die Theorie dahinter ist sehr interessant, manchmal aber etwas langatmig und teilweise sehr intellektuell formuliert. Einmal verstanden kann sie aber gut angewendet werden. Ich empfehle dieses Buch auf jeden Fall weiter, weil man auch selbst alle Übungen machen und sehen kann, wie wirksam sie sind. Die erste Methode die ich an mir selbst angewendet habe war das Erkennen von Teilpersönlichkeiten. Damals hat mir diese Übung sehr geholfen, weg von einem sehr urteilenden, harten Umgang zu einem liebevollen Umgang mit einem meiner inneren Anteile und damit mit mir selbst zu gelangen. Auch das Idealmodell hat mir zu viel Ruhe und Vertrauen verholfen, als ich merkte, dass ich alle Eigenschaften, die ich gerne hätte, in Wirklichkeit schon besitze und mit dieser Übung in mir wahrnehmen konnte.