Wege aus der Zwickmühle. Doublebinds verstehen und lösen

AutorInnen: Christiane Sautter und Alexander Sautter

Verfasserin: Mag.ª Daniela Kamhuber

 

Warum habe ich dieses Buch gewählt?

Am Anfang stand die persönliche Betroffenheit: Im Lauf meiner Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin fiel immer wieder der Begriff „Doublebinds“, und wurde in unterschiedlichen Kontexten angerissen. Ich fühlte mich davon sehr angesprochen, und begann derartige Kommunikationsmuster in meinem Leben zu erkennen, aufzuspüren bzw. zu analysieren. Um einen tieferen Einblick in die Thematik zu bekommen machte ich mich auf die Suche nach einem Fachbuch zu dem Thema und stieß auf „Wege aus der Zwickmühle“.

Inhaltsbeschreibung

„Doublebind“ wird übersetzt als „Doppelbotschaft“, „Doppelbindung“, oder auch paradoxe oder traumatisierende Kommunikation genannt.

„Wege aus der Zwickmühle“ gliedert sich in mehrere Kapitel, und ist reich an Fallbeispielen. Nach einer Gebrauchsanweisung für das Buch findet sich ein Fragebogen, mithilfe dessen man klären kann, ob man selber Doublebinds benutzt, bzw. diesen innerhalb seiner Herkunftsfamilie ausgesetzt war.

Bevor sich die AutorInnen der eigentlichen Definition und Erklärung von Doublebinds widmen, gehen sie in drei Kapiteln auf das systemische Denken, die Kommunikationstheorie von Paul Watzlawick und auf das Wesen von Paradoxien ein. Diese sehen sie als Voraussetzung zum Verständnis der paradoxen Kommunikation. Die AutorInnen legen großen Wert darauf, die Dinge verständlich zu erklären, weshalb sie z.B. die fünf Axiome der Kommunikation nach Watzlawick anhand von Beispielen mit Winnie der Pu und seinen Freunden erläutern.

Danach widmen sie sich der Entdeckung und Definition von Doublebinds, sowie den Regeln im Doublebind-System:

Gregory Bateson war einer der Pioniere des systemischen Denkens und gilt als einer der Begründer der systemischen Psychologie. Er erforschte Kommunikationsprozesse, arbeitete mit schizophrenen Patienten, und entdeckte dabei übergeordnete Muster, an denen sich die Kommunikationsprozesse orientierten. So entwickelte er 1956 zusammen mit Don D. Jackson, Jay Haley und John H. Weakland die Doublebind-Theorie.

Bateson wollte erforschen, ob auch Tiere zu einer Kommunikation auf verschiedenen Ebenen fähig seien, und dies bestätigte sich durch die Beobachtung von jungen Affen. Sie konnten ihre Signale (z.B. beim Spielen) mit einer Metakommunikation versehen, die allen Beteiligten signalisierte, dass es sich um ein Spiel und nicht um einen Kampf handelte, obwohl die ausgeführten Aktionen (drohen, knurren, beißen, …) dieselben waren. „Das ist ein Spiel“ legt den Rahmen fest, in dem alle anderen Mitteilungen verstanden werden sollen. Dies ist die Information auf der Metaebene. Bateson stellte fest, dass dem Schizophrenen die Fähigkeit fehlt, eine Mitteilung über den Rahmen zu verstehen, und dass das auf die vorherrschende Kommunikationsstruktur in der Familie zurückzuführen ist. D.h. es wurde verbal etwas Anderes ausgedrückt als nonverbal. Da die nonverbale Kommunikation die Beziehung definiert, also bestimmt, wie wir eine Botschaft aufgefasst haben möchten, wird bei einer Diskrepanz zwischen der verbalen und der nonverbalen Aussage Verwirrung darüber ausgelöst, wie die Botschaft verstanden werden soll.

Der Doublebind ist also viel mehr als ein bloßer Widerspruch, denn bei ihm ist die Entscheidung unmöglich. Jeder Mensch gebraucht Doublebinds. Schädliche Auswirkungen zeigen sich dann, wenn diese Art der Kommunikation in der Kindheit überwiegt. Gemeinsam mit anderen Faktoren(!) liegen Doublebinds Psychosen und Borderline-Störungen zu Grunde. Sie sind auch für viele Paarkonflikte und Beziehungsstörungen verantwortlich.

4 Faktoren der Doublebind-Falle:

  1. Der Mensch befindet sich in einer intensiven Beziehung, in der er es für lebenswichtig hält, die empfangenen Botschaften richtig zu interpretieren, um angemessen darauf reagieren zu können.
  2. Er erhält Botschaften, bei denen die verbale Mitteilung die nonverbale aufhebt. Wie bei jeder Paradoxie ist der „wahre“ Sinn der Botschaft logisch nicht entscheidbar.
  3. Es ist verboten, über die Kommunikation zu reden. Aus diesem Grund kann sich der Mensch nicht vergewissern, welche der widersprüchlichen Botschaften richtig ist. Wenn er die Konfusion anspricht, wird er als ungehorsam oder verrückt bezeichnet.
  4. Der Mensch kann der Situation nicht entfliehen, weil er – wie z.B. das Kind von seiner Familie – abhängig von der Bezugsperson ist.

(SAUTTER S. 80)

Die Autoren führen aus, dass Doublebind Strukturen oft in Familien vorkommen, die eine nicht erwünschte Realität leugnen, d.h. es gibt Familientraumata, deren Realität nonverbal ausgedrückt und verbal bestritten werden.

Das paradoxe Kommunikationsmuster wird dabei nicht bewusst eingesetzt, und folgt den nachfolgenden unbewussten Regeln:

  1. Nicht der Einzelne bestimmt die Spielregeln. Alle sind dem Muster gleichermaßen unterworfen.
  2. Negative Gefühle dürfen nicht sein. Wenn du sie trotzdem fühlst, dann leugne sie!
  3. Wir sind alle gleich. Deshalb hat niemand eine eigene Position.
  4. Es darf sich nichts ändern! Wir dürfen uns nicht ändern. Bei uns bleibt alles so wie es ist!
  5. Bei uns gibt es keine Schwierigkeiten.
  6. Offene Auseinandersetzungen müssen unbedingt vermieden werden. Beklage dich ruhig über andere, aber sprich nie selbst mit den Betroffenen.
  7. Schuld ist immer jemand anderes!
  8. Erkenne niemanden vorbehaltlos an. Wenn er sich wirklich anstrengen würde, würde er vielleicht die Bestätigung erhalten, die er sich wünscht, doch leider, leider wird das nie geschehen.
  9. Niemand verlässt das System!
  10. Sei so, wie du nicht bist!
  11. Die Klärung von Konflikten ist unmöglich! Deshalb tu weiterhin so, als lebtest du in einer harmonischen Familie.
  12. Du kannst es nie richtig machen, denn darum geht es gar nicht. Es geht ausschließlich darum, die Beziehung zu dir zu kontrollieren!

 

Nachdem die paradoxe Kommunikation am Beispiel einer schizophrenen Erkrankung erklärt wird („Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen“), widmen sich die AutorInnen dem Menschen im Doublebind-System, bzw. den Bewältigungsstrategien der Menschen, die in Doublebind-Familien aufgewachsen sind:

In Doublebind-Familien kann sich ein Kind nicht auf seine Gefühle verlassen und kann daher kein sicheres Gefühl für die eigene Identität entwickeln. Wie schon weiter oben erwähnt, kann es dadurch zu psychotischen Erkrankungen kommen. Wer nicht erkrankt, entwickelt in jedem Falle Verhaltensmuster oder Lösungsstrategien, die häufig ebenfalls paradoxe Strukturen aufweisen. Je nach Temperament kommt es bei Betroffenen zu zwei Lösungsstrategien, die in der Praxis nicht so rein ausgeprägt sind, sondern in Mischungen auftreten, mit Bevorzugung einer Richtung:

  • Sie versuchen, das Ziel der Anerkennung (durch die Eltern) mit erhöhtem Einsatz zu erreichen,
  • oder sie finden sich mit ihrer „Minderwertigkeit“ ab und sind davon überzeugt, keine Anerkennung zu verdienen.

(SAUTTER S. 107)

In dem Abschnitt „Auswirkungen von Doublebinds auf Partnerschaften“ geht es darum, dass einem „unsicher ambivalent gebundenen Kleinkind“ als Erwachsenem die Abnabelung von den Eltern sehr schwer fällt, gleichzeitig klammern sie sich an neue Bindungspersonen, von denen sie sich die Erfüllung ihrer Wünsche erhoffen. D.h. er/sie idealisiert den Parter/die Partnerin und lehnt ihn/sie gleichzeitig ab. Eine der unbewussten Regeln im Doublebind Muster lautet: Ich tue nur so, als ob die Beziehung bestünde. In Wirklichkeit existiere ich nicht in Beziehung zu dir! Daraus können sich unterschiedliche Beziehungsproblematiken ergeben, die nicht auf der „Sachebene“ gelöst werden können, weil den Betroffenen meist nicht bewusst ist, dass sie in einem paradoxen Kommunikationsmuster gefangen sind.

Anschließend gehen die AutorInnen auf einen praktischen Fall ein, in dem eine Klientin ihre von Doublebinds geprägte Beziehung zu einem Mann beschreibt.

Im folgenden Kapitel schreiben Christel Kumbruck und Erika Kleestorfer über Doppelwirklichkeiten und Doublebinds in Organisationen. Sie beschäftigen sich dabei mit Normwidersprüchen, Doppelwirklichkeiten (wenn sich Systeme mit unterschiedlichen Regelsystemen überlappen oder wenn formale Regeln im Alltag nicht als sinnvoll angesehen werden), Doppelspitzen in Unternehmen, Familienunternehmen, psychotischen Organisationen (z.B. wenn Krankenhäuser mit denselben Managementmaßnahmen wie Wirtschaftsunternehmen geführt werden, und sich nicht am Menschen orientieren).

Im vorletzten Kapitel geben die AutorInnen praktische Tipps und beschreiben Übungen, die einen dabei unterstützen, sich mit den eigenen Doublebinds auseinander zu setzen. Sie betonen jedoch, dass diese keine Therapie ersetzen können.

Dann folgen noch zwei Fallgeschichten.

Persönliche Reflexion/Nutzbarkeit für mich. Weiterempfehlung?

Meiner Meinung nach gibt das Buch einen sehr guten Überblick über das Thema Doublebinds, und vor allem die Grundlagen in den ersten Kapiteln sind sehr einfach und verständlich erklärt. Auch die vielen Beispiele erleichtern das Verständnis. Ich finde, dass das Kapitel über Doublebinds in Organisationen nicht hätte sein müssen, da es thematisch in eine andere Richtung geht. Es hätte dem Buch besser getan, wenn die AutorInnen auf der persönlichen/familiären Ebene geblieben wären.

Für mich persönlich war das Buch sehr hilfreich, weil dadurch ein Bewusstsein entstanden ist, was Doublebinds sind, welch tiefgreifende Struktur ihnen zugrunde liegt und auch, dass diese Art der Kommunikation unbewusst abläuft. Mein persönliches Aha-Erlebnis war, dass ich die Kommunikationsmuster in meiner Familie überhaupt erst durchschaut habe, und somit auch endlich verstanden habe, warum Kommunikation oft so zutiefst anstrengend und unbefriedigend war. Auch das Gefühl, dass man es ohnehin nie richtig machen kann ergibt nun einen Sinn.

Ich kann „Wege aus der Zwickmühle“ durchaus weiterempfehlen, vor allem als anschaulichen und gut aufbereiteten Einstieg in die Thematik, der sich die AutorInnen von den Grundlagen und durch Beispiele von mehreren Seiten her nähern. Man erkennt auch die jahrelange Erfahrung der beiden in der Praxis, die das Buch zusätzlich bereichert. Stellenweise scheinen die Fallgeschichten jedoch ein wenig unzusammenhängend platziert.