Wenn die Ziege schwimmen lernt

Autor: Nele Moost

Verfasserin der Kurzbeschreibung: Michaela Bartenstein

 

1. Weshalb ich dieses Buch gewählt habe

Schon als ich noch ein kleines Mädchen war, stellten Bilderbücher einen sehr wertvollen Schatz für mich dar. Sie haben mich begleitet, haben Umzüge mitgemacht und in meinem Bücherschrank in Wien stehen meine Lieblingsexemplare aus der Kindheit, die ich nachwievor oft in Gebrauch habe. Sei es, wenn Kinder bei mir zu Besuch sind zum Vorlesen und Betrachten oder um beim Selbstlesen und Staunen eigene Bedürfnisse (Unterhaltung, Problemlösung) aufzuarbeiten. Dabei begegne ich immer wieder ganz bewusst meinem inneren Kind.

Dicke Bücher zu lesen hat mir in meinem Leben bisher selten Freude bereitet. Ich habe es stets vorgezogen, mich in Bücher mit Bildern und Geschichten zu vertiefen und mich über sie mit einer intuitiven Kraft zu verbinden. Mein Denken ist stark von Bildern geprägt, zu viele Wörter sind mir übrig. Für Außenstehende mag es nun so scheinen, als wäre ich zu faul für diese Bücher, die gespickt mit Fachinformationen sind. Dem ist aber nicht so – ich nutze sie als wichtige Nachschlagwerke und komme eben mit einer „anderen Art“ des Lernens besser zurecht.

Konkret habe ich dieses Buch gewählt, da ich mich in meiner Arbeit als Lebens- und Sozialberaterin an kreativen Methoden orientieren und mit der ästhetischen Kraft von Geschichten, Metaphern, Gestaltung, Gedanken, … einen Weg zum Unbewussten meiner Klienten bahnen möchte.

Geschichten sind bewährt. Schon über Jahrtausende wurden in allen Kulturkreisen der Welt Geschichten erzählt und geschätzt. Sie gelten als Quelle der Weisheit, die auf die Seele wirken, da sie das Unbewusste in uns ansprechen. Die Möglichkeit zur Lösung von Problemen ist in dieser Instanz deutlich vielfältiger als im rationalen Denken. Für Veränderungs- und Lernprozesse eignen sich Geschichten deshalb besonders gut, da wir Menschen uns mit den Protagonisten identifizieren können. Sie ermöglichen, sich selbst aus der Situation herauszunehmen und die eigene Person mit ihren Problemen aus einer Distanz zu betrachten. Die Geschichte steht stellvertretend für eine reale Situation. Es entstehen außerdem innere Bilder, die Lösungen im Umgang mit Hindernissen und Konflikten aufzeigen können.

Geschichten, die von mir als Berater erzählt oder vorgelesen werden, werden gemeinsam mit dem Klienten „durchlebt“ und stärken den Rapport, der für eine vertrauensvolle BeraterKlienten-Beziehung wichtig ist.

Bilderbücher und Geschichten generell erinnern uns an unsere Kindheit. Das innere Kind wird dadurch auch im Erwachsenenalter jedes Mal wieder angesprochen und darf zum Vorschein treten. Kraftvolle Geschichten sind außerdem reduziert aufs Wesentliche. Man redet nicht lange um den heißen Brei herum. Sie brauchen keine Erklärungen und werden von jedem (je nach gegenwärtiger Lebenssituation) auf seine Art verstanden und interpretiert.

Methodisch ist es als Berater sogar wichtig, darauf zu achten, dass man durch wohlgemeinte Interpretationen nicht die Kraft der entstandenen inneren Bilder raubt und die Freiheit des Hörers zur eigenen, individuell passenden Ansicht einschränkt.

Immer mehr fällt mir auf, dass unsere Gesellschaft generell eher an Negativem orientiert ist. Defizite überdecken Ressourcen. Dieses Bilderbuch soll diese Tatsache nochmals ins Bewusstsein rufen und bewirken, dass wir uns wieder eher auf Gelungenes im Leben konzentrieren wollen. Denn da wo unsere Gedanken sind, ist unsere Energie.

In den letzten Tagen und Wochen habe ich mein inneres Kind ganz bewusst wieder entdeckt und möchte ihm nun diese Literaturarbeit widmen. Danke für die grenzenlose Freude, die du mir bereitest, wenn wir gemeinsam durch den Sommerregen rennen.

2. Inhaltsbeschreibung

Das Bilderbuch „Wenn die Ziege schwimmen lernt“ von Nele Moost handelt von einer Zeit, in der alle Tiere in die Schule gingen. Es erzählt davon, wie die drei Lehrer angestrengt versuchen, jedem Tier ungeachtet seiner Voraussetzungen dasselbe beizubringen, Scheitern somit irgendwie vorprogrammiert ist und verurteilt wird als sich-zuwenig-angestrengt-haben.

Anfangs sind die Tiere sehr aufgeregt und neugierig auf die Herausforderungen, die sie in der Schule erwarten. Als die Lehrer dann den Stundenplan verkünden, der vorsieht, dass neben Eichhörnchen und Affen auch Enten, Fische und Pferde klettern, Ziegen schwimmen und Elefanten fliegen lernen müssen, sind die Meinungen geteilt. Der Unterricht beginnt mit Schwimmen. Der Ente macht dies großen Spaß, da sie dies bereits gut kann. Das Pferd muss sich beim Fliegen und Klettern sehr anstrengen und trotz größten Eifers fällt es den Lehrern unangenehm auf. Ente und Fisch schaffen es nicht, auf den Baum zu klettern. Am Flugfeld ereignet sich indes ein Skandal zwischen Fluglehrer (der eine Eule! Ist) und Raupe. Die kleine Raupe entgegnet dem erzürnten Fluglehrer, dass sie nicht fliegen muss – da sie momentan nur Hunger hat und bis zum nächsten Blatt genauso gut kriechen kann. Fliegen, so meint sie, kann sie später einmal lernen. Durch ihr freches Benehmen fliegt sie von der Schule. Auch die Ziege bekommt Ärger, da sie den Vorschlag macht, Schwimmen dort zu lernen, wo Steine im Wasser liegen (damit sie über den Fluss laufen kann). Der Elefant ist anfangs gut im Um-die-WetteRennen, beim Flugunterricht muss er allerdings Nachhilfe nehmen. Vier Stunden lang strengt er sich sehr an, kann danach aber immer noch nicht abheben. Er fühlt sich als Versager, lässt sich in eine Pfütze fallen, gibt auf und weint. Der Fluglehrer zeigt kein Verständnis und sagt: „Fliegen ist doch wahrhaftig nicht schwer.“ Die Ameise ist in den Augen der Lehrer ein hoffnungsloser Fall, da sie sich nicht fürs Fliegen oder Schwimmen interessiert. Stattdessen liest sie den nächstbesten Brocken vom Weg auf, obwohl er viel größer und schwerer ist als sie selber und schleppt ihn zu ihrem Ameisenhaufen. Nur der Kletterlehrer ist begeistert und nimmt sie in Schutz.

Zeit vergeht und die Ente ist plötzlich nicht mehr Klassenbeste im Schwimmen, da sie sich beim Klettern überanstrengt und nun Muskelkater hat. „Am Ende des ersten Schuljahres konnte kein Tier mehr etwas sehr gut.“ Die Lehrer schütteln die Köpfe (bis ihnen schwindlig ist) und sehen ihre Schüler als gänzlich unbegabt an. Danach machen sie sich auf und davon.

Die Schüler wissen nun erst recht nicht mehr, was sie tun sollen. „schließlich schwammen der Fisch und die Ente um die Wette. Der Elefant und das Pferd rannten über die Wiese. Die Ziege und die Raupe fraßen saftige grüne Blätter, bis sie überhaupt nicht mehr konnten, und die Ameise baute sich einen schönen großen Ameisenhaufen. Und jeder machte seine Sache richtig gut.“

3. Meine persönliche Reflexion zu diesem Buch

Dieses Bilderbuch zeigt, dass man sein Element finden muss, um das auszuschöpfen, was man kann. Potenziale können sich erst entwickeln, wenn man ihnen Raum zur Entfaltung zugesteht.

Ein Pinguin auf einem Felsen wirkt ungeschickt – würde man dieses Tier nur auf dem Felsen erleben, könnte der Eindruck entstehen, der Pinguin sei ein ungeschicktes Tier, das sich watschelnd fortbewegt. Sieht man ihn hingegen in seinem Element, im Wasser, so bewegt er sich mehr als elegant und kann Pirouetten drehen.

Jeder verfügt über bestimmte Fähigkeiten, Dinge, in denen er besonders gut ist. Es kann außerdem nicht jeder alles können, denn dann wären wir wohl eher Maschinen als Menschen. Ich bin anders. Ihr seid anders. Und das ist wertvoll für uns alle.

Außerdem macht der Dialog zwischen Elefant und Fluglehrer deutlich, dass jeder die Welt anders sieht und erlebt. Sich dessen bewusst zu sein, kann das Einfühlungsvermögen für das jeweilige Gegenüber sensibilisieren und ist für mich dringende Voraussetzung jeder gelungenen Beratung.

Meiner Meinung nach bietet dieses Bilderbuch vielfältige Einsatzmöglichkeiten bei unterschiedlichen Zielgruppen für ressourcenorientiertes Arbeiten:

Eltern, die sich Sorgen um ihre Kinder machen, weil sie Schwierigkeiten in der Schule haben

Identifikationsmöglichkeit: die Tiere der Geschichte mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten. Den Fokus aufRessourcen der Kinder lenken, gleichzeitig von Defiziten abschwenken; welche Einstellung der Lehrer hätte es den Tieren leichter gemacht?

Kinder, die als „Schulversager“ abgestempelt werden

Identifikationsmöglichkeiten: mit den Tieren der Geschichte. Nicht jeder kann alles – aber jeder kann etwas besonders gut

Menschen, die sich in einem System, einem „Hamsterrad“ gefangen fühlen

Identifikationsmöglichkeit: die Ziege schlägt vor, die Schwimmübung auf ihre Bedürfnisse anzupassen. Allerdings wird nicht aufsie eingegangen. Was würde sie in dieser Situation brauchen?

Menschen, die sich im Leben sehr anstrengen – gleichzeitig aber unzufrieden sind und das Gefühl haben, nichts erreichen zu können.

Identifikationsmöglichkeit: mit dem Pferd, der Ente, dem Elefant und der Ziege; das Pferd wird im Fliegen und Klettern unterrichtet. Beides sind Disziplinen, die ein Pferd nicht beherrscht. Trotz fleißigen Übens stellt sich kein Erfolgserlebnis ein. Es ist frustriert und kann seine eigentlichen Fähigkeiten nicht mehr zeigen.

Die Ente ist ein perfekter Schwimmer. Aber auch ein Perfektionist, der meint, alles können zu müssen. Sie übt und übt, bis sie Muskelkater bekommt und schließlich auch nicht mehr gut schwimmen kann.

Der Elefant übt sehr ehrgeizig das Fliegen, Er versagt und wird niedergemacht, da sich die Eule nicht vorstellen kann, dass es auch Tiere gibt, die eben nicht fliegen können. Die Ziege macht einen Vorschlag, der zurückgewiesen wird

Menschen, die sich klare Perspektiven wünschen

Identifikationsmöglichkeit: die Ameise und die Raupe können Vorbildwirkung haben; die Ameise geht ihren eigenen Weg. Es gibt Bewunderer und Kritiker. Die Meinung der anderen ist ihr aber völlig egal.

Die Raupe ist selbstsicher und mutig. Obwohl sie klein ist, geht auch sie ihren eigenen Weg. Sie wird dafür bestraft, ist aber trotzdem zufrieden dabei

Menschen, die ihr Selbstvertrauen und ihre innere Kraft stärken möchten, um Neuorientierung zu ermöglichen

Identifikationsmöglichkeit: Ziege, Raupe, Ameise und alle Tiere, als sie am Ende das machen, was sie am allerbesten können und worin sie gut sind