Dämonen Nahrung geben – Buddhistische Techniken zur Konfliktlösung

Autorin: Tsültrim Allione

Verfasser der Kurzbeschreibung: Günter schaden

 

Tsültrim Allione beschreibt in ihrem Buch eine prozessorientierte Ressourcenarbeit basierend auf einer buddhistischen Technik. Schon im 11. Jahrhundert erkannte die buddhistische Lehrerin Machig Labdrön, dass der Kampf gegen die inneren Feinde uns nur weiter zerreißt. Hingegen führt die Annahme und das „Füttern“ der inneren und äußeren Feinde – und damit unserer Ängste – zu psychischer Integration und innerem Frieden.

Diese Ängste werden in der buddhistischen Tradition als Dämonen bzw. Dämonenabgötter bezeichnet. Sie sind keine schamanischen, fratzenhaften Geistergestalten, sondern das, was uns im Kopf herumgeht, der Widerstand gegen unsere unerwünschten Persönlichkeitsanteile, die uns daran hindern, Freiheit und Glück zu erfahren.

Das Füttern und die Annahme unserer Dämonen erfolgt in fünf Schritten. Über Visualisierung und Identifikation versucht man herauszufinden, was der „Dämon“ braucht um sich im dritten Schritt zu verwandeln. Im vierten Schritt folgt die Vorstellung der Fütterung des Dämons und zum Abschluss vertieft eine Meditation in Stille den neuen, aufgelösten und integrierten Zustand.

Grundlage dieser Technik ist die Erkenntnis, dass unser Kampf gegen innere oder äußere Probleme diese nur noch weiter stärkt. Die Tendenz unerwünschte Anteile in uns selbst zu bekämpfen und idealerweise zu vernichten müssen wir erst einmal erkennen und damit umgehen lernen. Nur durch die Annahme und Integration befreien wir uns von den Problemen und damit den Dämonen, denn damit entziehen wir ihnen ihre Existenzgrundlage.

Das Erkennen des Dämons ist Grundlage für die weiteren Schritte. Ganz wesentlich dabei ist die Lokalisierung und Visualisierung des Dämons im eigenen Körper.

Die Übung beginnt mit neun Atemzügen zum Entspannen und zur Intensivierung der Körperwahrnehmung. Dann folgt der erste Schritt der sich aus drei Phasen zusammensetzt:

  • Entscheiden, welchem Dämon Sie sich widmen wollen (was belastet mich? Was raubt mir Energie?)
  • Die Stelle im Körper finden, in dem der Dämon sitzt (wo empfinde ich Schmerz? Wo bin ich verspannt? Wo sitzt eine Last?)
  • Den Dämon im Körper beobachten (alle Sinne benutzen, Farbe, Größe, Form, Geruch, …)

Im nächsten Schritt versuche ich den Dämon zu personifizieren und zu fragen was er will und was er braucht. Durch die Kommunikation mit meiner Belastung nehme ich einen unerwünschten Teil meiner Selbst wahr und verbinde mich wieder damit.

Ich lade den Dämon ein vor mir Platz zu nehmen und frage ihn, was er von mir will, was er von mir braucht und wie er sich fühlt, wenn er bekommt was er braucht.

Im dritten Schritt werde ich zum Dämon indem ich mich auf seinen Platz setze. Ich beantworte die zuvor gestellten Fragen. Z.B.: „Ich will, dass du mehr leistest damit du erfolgreicher wirst!“, „Ich brauche ein Gefühl der Sicherheit“ und „Wenn ich das bekomme werde ich endlich loslassen und entspannen können“.

Im nächsten Schritt wechsle ich wieder auf meinen ursprünglichen Platz und stelle mir vor mich zu verflüssigen, zu Nahrung zu werden für den Dämon. Diese Nahrung lasse ich zum Dämon fließen und schenke ihm dadurch das was er braucht. Wie das konkret abläuft bleibt meiner Fantasie überlassen (z.B. ob ich zu einem Bach werde oder zum Inhalt eines Gefäßes etc.).

Jetzt achte ich darauf was mit dem Dämon passiert, wenn er mich als Nahrung aufnimmt. Er wird sich verändern und damit auch meine Ablehnung von ihm.

Falls der Dämon unersättlich zu sein scheint, stelle ich mir vor, wie er aussehen würde, wenn er vollkommen satt und befriedigt wäre.

Vielleicht entsteht aus dem Dämon auch ein neuer Verbündeter, jemand der mich unterstützt, wenn ich wieder in eine belastende Situation komme. Der Verbündete kann ein Tier, ein Mensch, eine mythische Gestalt, ein Kind oder eine vertraute Person sein.

Dann stelle ich dem/der Verbündeten eine oder alle der folgenden Fragen:

  • Wie wirst du mir helfen?
  • Wie wirst du mich beschützen?
  • Welches Versprechen kannst du mir geben?
  • Wie kann ich Kontakt zu dir aufnehmen?

Jetzt kann ich wieder den Platz des Verbündeten einnehmen und auf die Fragen antworten. Ich stelle mir vor, dass er/sie/es mir zu Hilfe kommt, spüre die hilfreiche Energie und sonne mich im Strom der positiven Energie, die von dem Verbündeten ausgeht.

Je gewaltiger und fordernder der Dämon war, umso größer ist die Macht des Verbündeten, denn es ist die Gewalt des Dämons, die zur Kraftquelle des Verbündeten wird.

Nach der Wandlung des Dämons genieße ich ein paar Minuten in stiller Meditation. Das Denken darf eine Pause einlegen, ich lade meinen Geist ein sich Fallenzulassen. In diesen Augenblicken genieße ich es einfach zu existieren, bin entspannt in einer Zwischenwelt, in der alles sein darf aber nichts sein muss.

Tsütrim Allione beschreibt dann den Prozess anhand von vielen verschieden Fallbeispielen. Diese Beispiele zeigen wie individuell jeder Prozess abläuft und gleichzeitig wie kraftvoll die Kommunikation mit den inneren Dämonen ist.

Für mich ist es so faszinierend zu lesen was passiert, wenn diese immensen Energien, die wir für Widerstände aufwenden, gewandelt werden und uns plötzlich als Antriebsenergie für unser Leben zur Verfügung stehen.

Im Prinzip geht es wie in vielen energetischen Methoden um das Auflösen der inneren Glaubensätze und um die Annahme der persönlichen Anteile, die uns Angst machen. Zentraler Bestandteil jeder Veränderung ist der Dialog und es ist so oft so extrem schwierig die Kommunikation mit unseren Anteilen wiederaufzunehmen. Es ist dann wie in einer Beziehung in der die Partner schon sehr lange schweigen. Es haben sich viele Verletzungen und Ängste aufgestaut, inklusive der Angst was passiert wenn das Schweigen plötzlich endet.

Mit dieser Methode der Konfliktlösung ist aus meiner Erfahrung nach aber sichergestellt, dass ich keinen Dämon bzw. keine Angst erscheinen lassen, die mich überwältigen kann. Ich selbst steuere den Prozess und gebe damit vor was ich sehen möchte und was nicht.

Darauf kann und muss ich als Begleitperson immer vertrauen damit ich nicht eigene Ängste einbringe und selbst in Dialog mit einem meiner Dämonen trete.

Was mich am meisten an dieser Methode fasziniert ist die uneingeschränkte Fähigkeit des Menschen zur Fantasie. Sobald sich jemand auf diese Methode einlässt taucht er ein in ein von ihr/ihm selbst erschaffene Welt in der sie/er die Handlung vorgibt. Aus meiner Sicht ist das auch ein ganz wesentlicher Aspekt dieser Methode. Sie gibt dem Klienten – bewusst oder unbewusst – ein Stückweit das Gefühl zur Selbstverantwortung zurück. Im gesamten Prozess handelt nur der Klient, der Berater/Begleiter ist nur Beobachter in der Fantasie des Klienten.

Unabhängig davon, ob jemand die Methode genau nach Vorgabe anwendet oder Teile davon, im Zentrum steht die Kommunikation mit sich selbst und die Frage nach dem Bedürfnis, die hinter einer Angst oder einer Belastung steht.

Daher passen meiner Erfahrung nach auch Teile der gewaltfreien Kommunikation sehr gut dazu, z.B. falls es dem Klienten schwer fällt sich mit dem Gefühl zu verbinden oder der Unterschied zwischen „ich will“ und „ich brauche“ unklar ist.