Die Kinder des Tantalus – Oder: Ausstieg aus dem Kreislauf seelischer Verletzungen

Autor: Rüdiger Opelt

Verfasserin: Brigitte Korrenn

 

Vor einigen Jahren erlebte ich, wie eine uns nahestehende Familie auseinander brach. Ein „Rosenkrieg“ zwischen dem Ehepaar trennte zwangsläufig auch uns von einigen Familienmitgliedern, Menschen mit denen wir über viele Jahre viel Zeit verbrachten. Wir waren fast wie eine große Familie, haben gemeinsam musiziert, gemeinsame Feste gefeiert, sprachen und philosophierten nächtelang.

In dieser Zeit kamen beide Eheleute oft getrennt zu uns nach Hause und suchten Gespräche, Unterstützung, klagten ihr Leid, klagten über den anderen. Es war ein Ziehen und Zerren das mich sehr beschäftigte, unerwartet viele Fragen aufwarf und starke Emotionen in mir auslöste.

Vor allem der verzweifelte Versuch der Frau, über das Einbeziehen und Aufhetzen der Kinder den Ehemann „zurück zu gewinnen“, unter Druck zu setzen und ihm die alleinige Schuld zu übergeben, machten es mir schwer, in einem neutralen Gespräch mit ihr bleiben zu können und sie nicht zu „verurteilen“.

Damals fiel mir das Buch „Die Kinder des Tantalus“  in die Hände, empfohlen von einer Ausbildnerin eines Elterntrainings (Family Support Training) welches ich zu dieser Zeit im WIFI absolvierte. Das Buch hat mich sofort begeistert und mir einen hilfreichen Einblick  und Zugang zum Verhalten meiner Freunde ermöglicht. Dabei waren es nicht Einzelheiten oder detaillierte Erklärungen die für mich aufschlussreich waren sondern die Grundidee des Buches überzeugte mich: Jemand setzt eine Ursache, eine Handlung und dies hat Wirkung und Auswirkung, über Generationen hinweg. Ein wirkender Plan auf „übergeordneter“ Ebene!

Dieses Wissen empfand ich als erleichternd und tröstlich, im Sinne von: es ist wie es ist, manchmal kann man nichts dafür und nichts (gleich) dagegen, es gibt keine „Schuld“ („was habe ICH falsch gemacht“), keine Verurteilung („wie kann er/sie nur?“)  sondern es gilt sich zu ent-wickeln, um solche Verstrickungen auflösen zu können – auch (oder vor allem) was die eigene Geschichte betrifft.

„Die Kinder des Tantalus oder: Ausstieg aus dem Kreislauf seelischer Verletzungen“ von Rüdiger Opelt. (Czernin Verlag 2002). Das Buch umfasst 144 Seiten und ist in 3 große Kapitel gegliedert:

Der Mythos – Das Tantalus-Familienmuster

Die Realität – Gewalttrauma und Zeitgeschichte

Die Lösung – Der Seelische Ausstieg aus der Terrorwelt

Rüdiger Opelt wurde 1953 in Linz geboren, ist verheiratet und hat 2 Kinder. Er studierte Psychologie und Psychopathologie in Salzburg. Seither ist er als Psychologe, Psychotherapeut, Seminarleiter und Autor tätig. Er war leitender Psychologe des Kinderspitals Salzburg und baut in seinen Büchern auf drei Jahrzehnten an klinischer Erfahrung auf.

Die Geschichte

Tantalus, ein Sohn von Zeus mit einer irdischen Mutter gezeugt war ein „Halbgott“ und durfte mit den Göttern speisen. So hörte er alles mit, was diese besprachen. Neid und Unverständnis trieben ihn zur Tat, die Götter auf die Probe zu stellen. Er opferte seinen Sohn Pelops und gab ihn den Göttern zur Speise. Diese bemerkten es natürlich, belebten den Sohn und verbannten Tantalus in die Unterwelt, wo er von entsetzlichen Qualen gepeinigt wurde.

Damit begann die Spirale von Rache und Aggression bis sich alle Beziehungen zerstören. Vater – Sohn, Mutter – Tochter, sich das Weibliche verkehrt usw.

Denn: Der Tantalusfluch setzt sich immer auch in den nächsten Generationen fort!

Sein Sohn Pelops überlebte zwar die schreckliche Tat, doch er verdrängte das Entsetzliche, denn der Sieg über sein Schicksal war eine Scheinlösung.

In der Seele des Menschen geht nichts verloren. Erlebnisse, mit denen man sich nicht auseinander setzt, wirken im Untergrund weiter. In unserer Geschichte unter den Söhnen des Pelops, Atreus und Thyestes.

Es kam zum Bruderkrieg und Atreus wiederholte die Tat seines Großvaters, trieb sie sogar an die Spitze. Mord und Gewalt potenzieren sich.

Auch Agamemnon, der Sohn des Atreus wiederholte die Tat des Tantalus. Wieder wurde ein Kind geopfert, diesmal nicht der Sohn, sondern die Tochter Iphigenie. Auch wenn es noch so weh tat, denn in diesem Fall stand der Sieg über den Feind über allem. Die Gewalt wurde auf das weibliche Geschlecht abgewälzt.

In den vielen Jahrhunderten patriarchalischer Unterdrückung hat sich eine ungeheure Wut aufgestaut. Dies führt uns zur Rächerin, Klytämnestra, der Mutter. Die Wut der Klytämnestra entzündete sich am Verrat, der an ihrer Tochter verübt wurde. Mit ihrem Geliebten erdolchte sie Agamemnon, ihren Ehemann. Allerdings beraubte die Vernichtung des Mannes zugleich die jüngeren Geschwister des Vaters. Damit kommt das eigentliche Trauma aus der Verdrängung wieder hoch, nämlich der Verlust der Vaterbeziehung.

Das vernichtende Verhalten der Mutter gibt es als Bild der „bösen Mutter“ seit Jahren in der psychologischen Literatur. Es wird als Hauptursache für das Unglück der Kinder gesehen. Die Folge: ein massiver Mutter-Tochter Konflikt, die Tochter idealisiert den verschwundenen Vater und greift die Mutter an. Dies finden wir in der Geschichte der Elektra und die Tantalusgeschichte findet nun ihr weibliches Gegenstück.

Iphigenie wurde von der Göttin Artemis ohne Wissen der Eltern entführt und blieb am Leben, musste aber, wie es Sitte des Landes war, jeden Fremdling „zur Schlachtbank schleppen“ und wurde so zur männermordenden Priesterin.  Auf diesem Weg gelang Iphigenie die Flucht aus dem Wahnsinn ihrer Familie, in dem ihre Geschwister jedoch gefangen blieben. Dabei „wählte“ ihre jüngere Schwester Chrysothemis die Rolle der Unauffälligen und ängstlich Angepassten als Überlebensstrategie.

Ihr Bruder Orest hatte Pech. All das Unheil, das Generationen vor ihm nicht zu lösen vermochten, alles, was verdrängt und unbewältigt geblieben ist blieb an ihm hängen und das Schicksal schien von vornherein durch die Wünsche seiner Umwelt festgelegt.

Aufgrund der Vielzahl der  Erwartungen die er erfüllen sollte hatte er scheinbar keine andere Wahl als die ihm zugedachte Rolle zu spielen – Oder doch???

Meine persönliche Meinung:

Ich persönlich kann das Buch nur empfehlen weil es für mich auf anschauliche Weise darstellt, was zu traumatischen Ereignissen führen kann, welche Rahmenbedingungen diese am Leben halten und wie diese aufgelöst werden können.

Anhand der griechischen Mythologie versucht der Verfasser aufzuzeigen, welche (manchmal bisher nicht nachvollziehbaren) Folgen gravierende Einschnitte in der Familiengeschichte auf die nachfolgenden Generationen mit sich bringen können – dies gelingt ihm aus meiner Sicht sehr gut: Tantalus, oder wie eine Gewalttat die nächste provoziert, auch über Generationen hinweg. Ein interessanter Ansatz, wenn man etwas aus der Geschichte lernen will.

Diesen Gedanken behandelt Rüdiger Opelt und zeigt den Zusammenhang zwischen Gewalt, Patriachat, dem zweiten Weltkrieg und deren Auswirkungen.

Bei jeder Göttergeschichte stellt der Autor den Bezug zur Gegenwart her mit der Frage: was hat das mit unserer Zeit zu tun und veranschaulicht dies anhand von Beispielen, die sich in täglichen Zeitungsberichten über Akte der Gewalt finden lassen. Er bringt aber ebenso Beispiele aus der psychologischen Praxis und analysiert auf interessante Weise den tiefenpsychologischen Gehalt des Tantalus-Mythos.

Ein Beispiel davon zum besseren Verständnis:

„Ein zehnjähriger Bub verlässt die Wohnung nicht mehr, tyrannisiert und schlägt seine Mutter, und unter den Nachbarskindern ist er wegen seiner Gewaltbereitschaft verschrien. Schließlich kommt es auf Drängen der Mutter zu einer Zwangseinweisung in die Kinderpsychiatrie, wo er bald durch sein obszönes Verhalten auffällt. Die Familiengeschichte zeigt folgendes:

Die Großmutter des Jungen hat ihren Mann im zweiten Weltkrieg verloren. Sie zog daraufhin ihre Tochter alleine auf und ging nie wieder eine dauerhafte Beziehung zu einem Mann ein. Wenn sie sich auf Männer einließ, endete dies meist in einer Enttäuschung, weil keiner an den idealisierten Toten heranreichte. 

Die Tochter wuchs vaterlos auf, ihr Männerbild wurde durch die Enttäuschung der Mutter geprägt, die ihr unbewusst beibrachte, dass auf Männer kein Verlass ist. Als junge Frau ist sie daher sehr vorsichtig und zögernd, und als sie sich schließlich doch in einen Mann verliebt und schwanger wird, bestätigen sich alle Befürchtungen. Der Mann verabschiedet sich auf herzlose und brutale Weise. Der Sohn dieser Frau wird nun von der Mutter und der Großmutter gemeinsam großgezogen. Er wächst ohne jedes männliche Vorbild auf und wird mit den negativen Männererfahrungen der beiden Frauen belastet.

So bleibt ihm nichts anderes übrig, als eben diese negative männliche Identität anzunehmen, die er dann in seinem aggressiven Verhalten ausdrückt. Als er auf Anordnung des Jugendamtes in ein Heim mit vielen männlichen Erziehern kommt und sich an positiven männlichen Vorbildern orientieren kann, normalisiert sich sein Verhalten in kurzer Zeit.“ (Buch Seite 66 und 67)

Fehler die nicht reflektiert und nicht korrigiert werden verfolgen spätere Generationen: Das ist die Kernaussage der Geschichte der Tantaliden.

Lösungen gibt es erst wenn jemand mutig genug ist die Geschichte anzusehen, die Qualen zu ertragen und zu verzeihen (meist sich selbst). Und: es gilt der weiblichen Seite die Ehre zu erweisen, ohne Racheakte und Schuldzuweisungen stattfinden zu lassen.

Wie dies gelingen kann und dass es einen Weg der Befreiung gibt zeigt Rüdiger Opelt im dritten Teil: die Lösung: „Wenn Verdrängen nicht mehr möglich ist, wenn sich Menschen mit ihren Vorfahren und deren Geschichte auseinander setzen, ist der Grundstein für inneren Frieden gelegt.